Zeitung Heute : „Aber die entscheidenden Dinge waren doch schlecht!“ Nachgefragt bei Martin Bohne

Martin Bohne arbeitet seit 1984 als Journalist in Ostdeutschland. Caroline Huet hat ihn, der die untergegangene DDR und die Bundesrepublik Deutschland kennt, zum Thema Ostalgie befragt. Seine Antwort ist hier dokumentiert:

„Ich finde, Ostalgie ist eine sehr weit verbreitete Erscheinung im Osten Deutschlands. Immer mehr ehemalige DDR-Bürger, aber auch junge Leute, die die DDR nicht persönlich kennengelernt haben, sind ostalgisch. Ostalgisch in dem Sinne, dass sie finden, dass es in der DDR damals viele gute und angenehme Seiten gab; dass sie sogar glauben, das in der DDR vieles besser war.

Ich halte das teilweise für verständlich, aus rein objektiven Gründen, weil man älter wird und sich an die Jugend erinnert und an frühere Zeiten. Ich halte das auch insofern psychologisch für verständlich, weil es eine Reaktion auf die schwierigen wirtschaftlichen Verhältnisse ist, die gegenwärtig herrschen. Man glaubt, dass diese Gesellschaft, die jetzt existiert, sozial nicht sehr gerecht ist. Es gibt viel Arbeitslosigkeit. Es gibt viele arme Leute und viele reiche Leute. Man glaubt, dass in der DDR diese Probleme nicht bestanden haben.

Ich finde es andererseits aber auch schade, weil es objektiv ein falsches Gefühl ist. Ich glaube, dass es in der DDR sehr schlechte Dinge gab, die einfach heute vergessen und verdrängt werden. Man sollte wirklich versuchen, Aufklärungsarbeit zu betreiben, sich diese Dinge wieder in Erinnerung zu rufen, darüber zu reden. In der DDR ist vieles zwar ganz angenehm erschienen und vieles war wirklich angenehmer. Aber die entscheidenden Dinge waren doch schlecht. Dieses Wissen muss man wieder verbreiten. Das ist zwar seltsam, dass es so ist, aber es ist so.“

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