Zeitung Heute : Abgebrochen heißt nicht abgeschrieben

JOSEFINE JANERT

"Wenn es außerhalb der Hochschule mehr Alternativen gäbe, dann würden viel mehr Leute ihr Studium abbrechen", glaubt Hanna K.Die 26jährige Berlinerin ist schon seit einigen Semstern für Russisch, Betriebswirtschaftslehre und Philosophie eingeschrieben.Doch seit der Immatrikulation plagt sie sich mit Lernstörungen, fühlt sich im anonymen Uni-Alltag verloren.Vor allem die fachliche Resonanz auf ihre Leistungen fehlt ihr."Ich habe hier schon viel Zeit vergeudet", sagt sie und denkt darüber nach, ihr Studium abzubrechen.

Nach Angaben des Hochschul-Informations-Systems (HIS) in Hannover beendet deutschlandweit ein Viertel der Studenten das Studium ihres ersten Faches nicht.Seit Mitte der siebziger Jahre hat sich die Zahl der Studienabbrecher verdoppelt.Ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt sind "sehr konjunkturabbhängig", sagt Karl Lewin, Projektleiter beim HIS: "Informatiker, Mathematiker und zunehmend auch Ingenieure kommen jetzt recht gut unter, Juristen können vor dem ersten Staatsexamen eine Anstellung in den Rechtsabteilungen von Betrieben finden." Für Studenten mit fundierten Computer-Kenntnissen bietet sich ein Quereinstieg in die Medienbranche an.Mit der wachsenden Popularität des Internets sind dort neue Tätigkeitsfelder entstanden.In anderen Bereichen sieht es dagegen schlechter aus - zum Beispiel für Werbefachleute."Es bewerben sich so viele Absolventen, daß die Agenturen die freie Auswahl haben", sagt Volker Nickel vom Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft.Abbrecher, so Nickel, müßten schon ein besonderes Profil haben, um bei den Personalchefs auf Interesse zu stoßen.

In manchen Branchen konkurrieren Abbrecher nicht nur mit den Berufseinsteigern, die ein Examenszeugnis in der Tasche haben.Wer sich für ein wissenschaftliches Volontariat etwa in einem Museum entscheidet, dem wird unter Umständen noch ein Doktortitel abverlangt.Allein mit einem Vordiplom und dem Nachweis über ein paar kunsthistorische Seminare wird man wenig ausrichten können.Der Vorteil, daß Studienabbrecher für die Firmen preiswerter sind als Absolventen, wird durch die Tatsache relativiert, daß sich viele Geistes- und Sozialwissenschaftler auch nach dem Hochschulabschluß erst einmal mit Niedriglöhnen zufriedengeben müssen.

Bei den ingenieurwissenschaftlichen Fächern ist der Übergang zwischen Studium und Beruf "fließender geworden", hat der Ingenieur und Soziologe Wolfgang Neef von der Technischen Universität beobachtet: Statt das Studium abzubrechen, ziehen es viele in die Länge, bauen aber nebenbei schon wertvolle Kontakte zur Praxis auf oder gründen sogar eine eigene Firma.

"Im Augenblick gibt es den Trend, daß die potentiellen Abbrecher eher im Studienbetrieb bleiben und die Fachrichtung oder die Hochschule wechseln", meint Klaus Tuch, Berufsberater für Abiturienten und Hochschüler beim Arbeitsamt Südwest.Viele Studenten kommen schon vor dem geplanten Studienabbruch zu ihm, um sich über ihre Perspektiven zu informieren.Auch die Hochschulteams der Arbeitsämter Mitte, Südwest und West fühlen sich für diesen Personenkreis zuständig.Sie organisieren Workshops, bieten persönliche Beratungen an und vermitteln den Betreffenden Ausbildungsplätze.

Wenn sich die Studenten schließlich fürs Aufhören entscheiden, dann geschieht das "entgegen allen Vermutungen bereits während der ersten drei bis vier Semester", hat Karl Lewin vom HIS recherchiert.Bei der anschließenden Arbeitssuche kommt ihnen zugute, daß rund 75 Prozent eine Berufsausbildung schon vor der Immatrikulation abgeschlossen haben oder nach dem abgebrochenen Studium anstreben.Während einige ihr akademisches Wissen hintanstellen und eine Lehre beginnen, verwenden andere ihre an der Uni erworbenen Kenntnisse bei einer Umschulung zumindest partiell.Oder sie greifen auf Kontakte zurück, die sie während des Studiums bei einem Nebenjob geknüpft haben."Die Studienabbrecher, die sich ohne Berufsausbildung irgendwo melden, sind tatsächlich in der Minderheit", sagt Lewin.

Das Gefühl, das Examen nicht bewältigt zu haben, schafft vor allem denen ein schlechtes Gewissen, die sich allzu sehr an herkömmliche Vorstellungen zur Lebensplanung klammern.Wer allerdings gerade erst am Beginn seiner Karriere steht, wird sich mit ein bißchen Phantasie schnell neu orientieren und die Uni-Phase unter der Rubrik "Lebenserfahrungen" verbuchen.Das gelang zum Beispiel einer 21jährige Berlinerin, die sich nach einem einjährigen Geographie-Studium für eine Ausbildung zur Reiseverkehrskauffrau entschied.Die Tourismusbranche ist interessant für jene Geistes- und Sozialwissenschaftler, die Sprachen beherrschen und Landeskunde-Seminare belegt haben."Abbrecher müssen auf Trends aufspringen, wenn sie erfolgreich sein wollen", sagt Berufsberater Tuch.

Die Russischstudentin Hanna K.hat einen solchen Trend noch nicht gefunden.Ihre Sprach- und Wirtschaftskenntnisse könnten sie beispielsweise für eine Firma interessant machen, die Geschäftskontakte nach Rußland unterhält.Die Alternativen, die sie sucht, lassen sich außerhalb der Uni durchaus finden - mit etwas Geduld und Geschick.

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