Zeitung Heute : Abgedreht

Berlin ist wieder Kino-Metropole. Aber der Weg zum Film ist hart und beginnt mit unbezahlter Hilfsarbeit

Constance Frey

Auf dem Set von „Verliebt in Berlin“herrscht Stille, sobald die Kamera läuft. Nur die Darsteller der Telenovela, die bereits täglich auf Sat 1 läuft, hauchen ihre Texte in die Mikrofone, die über ihren Köpfen schweben. Die Dreharbeiten laufen seit Dezember im Adlershofer Studio Berlin, produziert von Grundy Ufa. Pro Produktionstag wird eine Folge gedreht, 225 sind geplant.

In einigen Wochen könnte die Szene hier schon ganz anders aussehen: Harter Polit-Talk statt Liebesgeflüster. Geschäftsführer Michael Rasch hofft, dass die Spitzenkandidaten der vorgezogenen Bundestagswahl hier zum TV-Duell antreten. Über die Auftragslage kann er nicht klagen. Bald zieht ein Produktionsteam in die Studios, das für die ARD eine historische Serie mit dem Arbeitstitel „Braut wider Willen“ mit Yvonne Catterfeld vorbereitet. Geplanter Drehbeginn ist im September.

Das Filmgeschäft läuft nach der Flaute der letzten Jahre nicht nur für Studio Berlin besser. Laut einer Studie des Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) und den Industrie- und Handelskammern in Berlin und Brandenburg wollen 40 Prozent der Berliner Medienunternehmen mehr feste Mitarbeiter einstellen, mehr als jedes zweite erwartet steigende Umsätze. Derzeit gibt es in der Branche etwa 13000 Festangestellte, dazu kommen in etwa so viele Freiberufler, die kurzfristig auf Projekten eingesetzt werden.

Internationale Produktionen bilden nach wie vor das Aushängeschild für den Filmstandort Berlin. Gerade ist der Film „V for Vendetta“ mit Schauspielerin Natalie Portman in Babelsberg abgedreht worden, ab August kommt Paul Verhoeven, um seinen Film „Black Book“ mit einem Budget von rund 20 Millionen Dollar zu produzieren. Die Produzenten kaufen jetzt Kameramänner, Szenenbildner, Beleuchter und andere Crewmitglieder vor Ort in Berlin ein, anstatt sie etwa aus den Vereinigten Staaten einzufliegen. Das ist gut für den Standort. Den größeren Umsatz machen aber nach wie vor kleine und mittelständische Unternehmen.

Zur Produktion von Kinofilmen wollen viele, bis dorthin ist es aber ein langer Weg. Neben Flexibilität sollten Filmschaffende nichts gegen lange Arbeitszeiten haben. Drehtage von sechs Uhr morgens bis 22 Uhr sind nicht selten. Bei der hohen Belastung ist auch Teamfähigkeit wichtig. Grundsätzlich gibt es zwei Möglichkeiten zum Einstig: über Praktika bei Produktionen, die dann in Assistenzen und schließlich den ersten Job münden, oder über Studium beziehungsweise Lehre.

Die beste Lösung, sagt Hans Hattop, Vizepräsident der Hochschule für Fernsehen und Film (HFF) in Potsdam, ist eine Mischung aus beidem „Unser erklärtes Ziel ist, unsere Absolventen möglichst praxisnah auszubilden. Daher müssen unsere Studenten mehrere Pflichtpraktika machen.“ Rund 1000 Bewerbungen gehen bei der HFF jährlich für 80 bis 100 Plätze ein. Das Aufnahmeverfahren ist schwer, dafür sind die Chancen für die Absolventen auf dem Arbeitsmarkt relativ gut. Das gilt auch für die Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin.

Entscheidend im Filmgeschäft sind die Kontakte. Marcos Kantis ist Herstellungsleiter bei X-Filme, koordiniert die Vorbereitung, Durchführung und Postproduktion eines Filmprojekts. Wenn er für seine Crew neue Mitglieder sucht, interessieren ihn weniger die Diplome als bisher geleitete Arbeit. „Ich schaue mir an, mit wem sie gearbeitet haben.“

Blindbewerbungen für ein Praktikum berücksichtigt er meist nur, wenn sie kurz vor einer Produktion eingehen. Welche gerade vorbereitet wird, steht zum Beispiel dem Produktionsspiegel der Film Commission Berlin Brandenburg. Ansonsten rät er, nach Aushängen für Studentenprojekte an Filmhochschulen zu suchen. „Dort bekommt man zwar kein Geld, es ist aber eine erste Erfahrung.“ Er schätzt, das der Markt für Quereinsteiger enger wird. Zum Beispiel habe die große Mehrheit der Kameramänner heute eine Ausbildung.

Auch Szenenbildner Knut Loewe setzt auf eine Ausbildung, am besten eine Kombination aus Handwerk und Hochschulstudium. Dabei spielt für ihn keine Rolle, ob man vorher Architektur, Tischlerei oder Zahntechnik gelernt hat. Er ist für die optische Gestaltung des Films verantwortlich, koordiniert Studiobauten und Dekoration eines Drehorts. Dafür hat er eines der größten Budgets bei einer Produktion. „Ich muss den reibungslosen Ablauf des Drehs garantieren und die Kosten im Auge behalten.“ Neben künstlerischer und fachlicher Kompetenz hält er ein breites Allgemeinwissen für ausschlaggebend. „Szenenbildner sollten in Kunst-, Architektur- und Möbelgeschichte stilsicher sein.“

In Berlin gibt es drei Ausbildungsberufe für Film: Mediengestalter in Bild und Ton, Kaufmann für audiovisuelle Medien und Film- und Videoeditor. Vor allem bei den Mediengestaltern ist der Andrang sehr groß. „Die Jugendlichen sollten sich vorher genau informieren“, sagt Anja Nußbaum, Bildungsexpertin der IHK Berlin. „Viele kommen mit falschen Vorstellungen, der Beruf ist sehr technisch.“

In anderen Bereichen gibt es keine Ausbildung, um sich zu qualifizieren. Anja Grünewald ist Locationscout, beschafft für Drehs die passende Kulisse. „Am besten“, sagt sie, „sucht man sich ein Praktikum bei einer bestehenden Agentur und arbeitet sich so ein. Bewerber müssen möglichst stressresistent sein. „Anfragen kommen kurzfristig, man muss schnell reagieren können.“ Gerade hat das Telefon geklingelt, bis morgen braucht eine Filmproduktion ein Loft mit Panoramablick. Für Anja Grünewald wird es eine lange Nacht. Aber das kennt sie ja schon.

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