Zeitung Heute : Abgegessen

In der Ferne schmecken Dörrfisch, Würzpasten oder Hierba herrlich. Dann nimmt man sie mit nach Hause, probiert: Pfui Teufel!

Norbert Thomma

PORTUGAL

Die Entdeckung der Einsamkeit begann an der portugiesischen Küste, es dampfte aus einer Suppenterrine, der Duft von Gemüse, Kräutern und Meer strömte in die Nacht, vier Menschen am Tisch. Du musst das einmal probieren, hatte der Gastgeber gesagt, es ist köstlich, rümpf nicht so die Nase, ich werde Bacalhau für euch kochen wie es meine Mutter gemacht hat und die Mutter meiner Mutter, Bacalhau, Kabeljau, du kannst hier nicht wegfahren ohne dieses Gericht.

Stockfisch, drie salt cod, Balalao, Stoccafisso, Stokk – zu allen Zeiten und auf allen Kontinenten wurde Fisch gesalzen und getrocknet, und Bacalhau ist Portugal, traditionelles, total authentisches Portugal, von hier aus trug Columbus den Dörrfisch in die Welt. Und es schmeckt, wie es riecht, ein kräftiger Eintopf, noch eine Kelle in den Teller, bitte, und dort trüben schlagen die Wellen an die Klippen, Sonnenuntergang, das Herz warm, der Magen erwärmt, der Vinho Verde gut gekühlt.

Getrockneter Fisch lässt sich leicht transportieren, ja, die Wikinger exportierten ihn schon im Jahr 875, er wird auch den Flug nach Berlin überstehen, und dort werde ich ihn wässern, 48 Stunden lang, neues Wasser mehrmals am Tag, er quillt, er verliert Salz, und dann, am Ende, essen wir Portugal zu Hause, total authentisch. Und dann, noch vor diesem herrlichen Ende: Der Koffer muffelt. Die Pullover fischeln. Ein Amalgam aus Cool Water und Bacalhau – ekelhaft. Die Küche ein olfaktorisches Inferno. Die Frau schimpft. Die Nachbarn grüßen sehr verhalten. Die Kollegen blähen die Nasenflügel und fragen: Ist heute Freitag?

Die Portugiesen, heißt es, kennen 365 Arten, Bacalhau zuzubereiten. Für jeden Tag des Jahres ein wenig mehr Einsamkeit.

POLEN

Als das Jahr 2002 zu Ende ging, waren wir bei einer polnischen Familie in Krakau zu Gast. Draußen waren es zwölf Grad minus, und die Familie besaß für die eiskalte Küche nur einen rot glühenden Elektroheizer, der sich wie ein Ventilator auf einem Standfuß hin und her drehte. Doch zu Weihnachten holte der Mann, der immer den gleichen Jogginganzug trug, irgendwoher einen schwarzen Lederkoffer mit Goldbesteck, und die Frau tischte auf: Pasteten, Würste, Fleischsalat, Piroggen mit Fleischfüllung, warmer Braten, kalter Braten. Tagelang saßen wir nun in dieser Küche, spielten Schach und Karten, und aßen von dem Fleisch. Silvester, eine Woche später, wurden noch immer die gleichen, noch immer nicht abgetragenen Fleischberge schon zum Frühstück aus dem Kühlschrank geholt. „Please eat“, sagte die Frau. Ich war mir ziemlich sicher, dass das Fleisch zu Beginn eine andere Farbe gehabt hatte.

Ich erinnerte mich, dass Meerrettich auch desinfizierende Wirkung haben sollte. Diesen Meerrettich mochte ich nun zum Frühstück am liebsten. Ich bin sicher, es lag auch an diesem Preiselbeer-Meerrettich, dass nichts Schlimmeres passiert ist. Kürzlich habe ich mal den Staub abgewischt und auf das Haltbarkeitsdatum geguckt: 5.4.2004. Ein abgelaufenes Medikament. Deike Diening

CHINA

Das Auge trinkt mit, natürlich, das Auge liebt sogar heißes Wasser, wenn hübsche Trockenblumen darin schwimmen, blaue Kornblumen, rote Crysanthemen, gelbe Astern und was die Chinesen sonst noch in ihren transparenten Thermoskannen mit sich herumtragen. Wobei ich gar nicht weiß, ob sie das immer machen und ob sie das wirklich trinken. Gefragt habe ich nicht danach.

In Peking ist man dermaßen lost in translation, dass man schon froh sein kann, wenn der Taxifahrer einen mit Hilfe eines von der Rezeptionistin geschriebenen Zettels wieder heil nach Hause bringt. Aber das nur am Rande. In diesem kalten November vor vier Jahren wollte ich irgendwann auch Trockenblumen fürs Wasser haben und war sehr glücklich, als ich einer alten bucklichten Frau in einem winzigen Teegeschäft welche abkaufen konnte. Daheim habe ich sie in den Vorratsschrank gestellt und dort blieben sie bis zum letzten Umzug. Eine Idee von China, die, als die Farben verblichen waren, einem schnöden europäischen Kamillentee sehr ähnlich sah. Und den mochte ich wirklich noch nie. Stefanie Flamm

TUNESIEN

Am schönsten ist die kleine Dose: gelb, mit blauen arabischen Schriftzeichen darauf und den Türmen von Tunis im Hintergrund. Darin verbirgt sich Harissa, eine Würzpaste, so dick wie Mayonnaise. Sie leuchtet orange, von zerstoßenen Chilischoten, Olivenöl und Knoblauch. Tunesier, Marokkaner und Algerier lieben sie zum Würzen ihrer Saucen, zu Couscous und zu gegrilltem Fleisch. Gar nicht so scharf, dachte ich, als ich sie auf dem Souk, dem Markt, von Tunis probierte. Und kaufte gleich zwei Dosen.

Doch ganz schön scharf, dachte ich, als ich eine davon zu Hause öffnete. Und womit sollte ich die nun essen, da ich weder gegrilltes Hammelfleisch noch Couscous gekocht hatte? Ich strich sie dünn aufs Wurstbrot – passt aber leider gar nicht. Vielleicht zum Steak? Ketchup ist besser. Die zweite Dose steht seit 1998 unberührt in meiner Küche. Und ich werde sie da auch noch ein bisschen aufbewahren, denn die Dose sieht wirklich gut aus zur mintgrünen Wand. Annabel Wahba

DÄNEMARK

Dänisches Essen hat etwas von Kinderessen. Nirgends ist das Softeis so schlabberig, sind die Würstchen so rot, streut man mit derartiger Begeisterung bunte Krümel über alles Mögliche. Und dann guckt man im Supermarkt in die Kühltruhe und sieht Salate, mindestens 18 verschiedene Sorten. Mit Gurke, Krebsfleisch, Hühnchen, Krabben. Alles mit Mayonnaise, alles so schlabberig wie das Softeis. Toll. Drei Packungen habe ich mit nach Hause genommen. Dort fiel mir dann allerdings auf, dass ich längst erwachsen bin. Die Salate standen noch drei Wochen im Kühlschrank. Als ich sie wegwarf, waren sie noch nicht vergammelt. Was machen die da eigentlich rein, in ihr Kinderessen? Andreas Austilat

BALEAREN

Das spanische Wort „Hierbas“ bedeutet „Kräuter“. Hierbas ist ein Kräuterlikör, man trinkt ihn meistens vor oder nach dem Essen. Hierbas schmeckt auf paradoxe Weise süß und gleichzeitig ein wenig bitter, am besten nimmt man ihn mit Eis. Die Kälte des Eises dämpft die bittere Süße, fügt ihr etwas Frisches, Klares hinzu, dann trinkt es sich wie Erwachsenenlimonade , und man muss sich vor einer Überdosis hüten. Auf den Balearen kommt man nicht darum herum, ihn zur Kenntnis zu nehmen, an jeder Bar stehen Flaschen, Kräutersträuße darin, die von einer bernsteingelben Flüssigkeit umgeben sind.

Zu Hause stimmt mit dem Hierbas-Geschmack plötzlich etwas nicht mehr. Er kommt sonderbar klebrig, sirupartig und viel zu aufdringlich auf die Zunge. Braucht Hierbas die Hitze eines Mittelmeertages? Braucht Hierbas eine Zunge, die an einem langen Strandtag desensibilisiert und mit einer Portion Eis auf Süße konditioniert worden ist? Wir haben eine Flasche mitgebracht. Wir brauchen sie nicht. Harald Martenstein

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