Zeitung Heute : Abgesang

Robert Birnbaum

Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Wie sich das anfühlt, morgens nach dem Aufstehen, die erste Zeitung auf dem Frühstückstisch und dann die Schlagzeile: „Eichels Stuhl wackelt“? Wackelt doch gar nicht, der Stuhl. Der Schreibtischsessel im Ministerium hat gestern ebenfalls stramm seinen Dienst verrichtet, kein Wanken und Schwanken. Auch war garantiert kein Zeitungsschreiberling im Büro und hat am Stuhl gerüttelt. Woher will der das also wissen! Pah! Stuhl wackelt! Blödsinn! Obwohl – also, die schreiben ja viel, wenn der Tag lang ist. Andererseits – einer wird dem was geflüstert haben, heimlich, so in der Art: „Ich hab’ neulich dem Eichel seinen Sessel im Kabinettssaal ausprobiert – also ich sage Ihnen, der stabilste ist der nicht mehr!“ Wer war das? Ich hab’s: der Fischer! Mit dem seinem aktuellen Kampfgewicht, das hält auch kein Stuhl aus. Den Joschka hat der Gerd neulich schon im Verdacht gehabt, dass er immer plaudert … welcher Intrigant hat überhaupt weitererzählt, dass sie mir die Mehrwertsteuererhöhung verboten haben? Da sägt einer an meinem Stuhl! Hans, sei auf der Hut! Du könntest denen ihren ganzen Haushalt so was von vor die Füße schmeißen, immer nur Löcher, Löcher, und dann diese Unschuldsmienen: „Also ich kann wirklich nicht mehr sparen!“ Aber freiwillig gehen? Morgens in der Zeitung lesen müssen „Strucks Stuhl wackelt“? Von wegen!

Und sehen Sie, liebe Leser, das ist der Unterschied zwischen einem Politiker und dieser unserer Kolumne. Wir gehen, wenn unsere Zeit gekommen ist. Heute ist sie gekommen. Ende. Finito. „Hinter den Linden“ räumt seinen Sessel. Was bleibt, ist Erinnerung. Schon wieder ein Unterschied zum Hans Eichel.

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