Zeitung Heute : Abgestürzt

Durch das Internet stieg Howard Dean vom Außenseiter zum Favoriten auf. Warum er bei den Vorwahlen der Demokraten so kläglich verlor

Matthias B. Krause[New York]

Von Matthias B. Krause,

New York

Als die letzten Hände gedrückt, die letzten Autogramme geschrieben waren, ging Howard Dean wortlos vorbei am Mikrofon eines lokalen Fernsehteams und verschwand von der öffentlichen Bühne. Zurück lässt der einst schillernde demokratische Präsidentschaftskandidat Zehntausende enttäuschter Anhänger und eine gescheiterte Kampagne, die Horden von Politikstudenten beschäftigen wird. Arbeitstitel der wissenschaftlichen Aufsätze: „Der Aufstieg und Fall des Howard D.“. Noch nie in der Geschichte des Rennens um das Weiße Hause war einer so früh so weit oben gehandelt worden, um dann seine Kampagne innerhalb von eineinhalb Monaten schlicht implodieren zu sehen. Noch im Dezember galt Dean praktisch als Sieger des bevorstehenden Vorwahl-Marathons. Der ehemalige Vizepräsident Al Gore hatte ihm gerade seine Unterstützung zugesagt, die per Internet gesammelten Dollars flossen in Strömen. Die landesweite Kampagne mit Dean-Wahlspots lief auf Hochtouren, junge „Deaniacs“ und „Deanie Babys“ unterstützten enthusiastisch die Arbeit des Kandidaten vor Ort. Während Dean es schon im August auf die Titelseiten von „Time“ und „Newsweek“ geschafft hatte, begannen die anderen Aspiranten erst, an ihrem Profil zu arbeiten. Doch der Rückschlag kam, als die ersten Wähler an die Urne traten.

In New Hampshire entschieden sie sich für John Kerry, Dean als ehemaliger Gouverneur des Nachbarstaates Vermont kam nur abgeschlagen als Zweiter durchs Ziel. So ging es weiter und weiter. Keine einzige der Vorwahlen gewann Dean, in der Mehrzahl der Staaten belegte er Platz drei oder war sogar noch schlechter. Am Mittwoch, nach einer erneuten Niederlage in Wisconsin, erklärte er seinen Verzicht. Bis dahin war er längst zu einem Zerrbild seiner selbst geworden. Angetreten als der Anti-Bush, der frische Kandidat, unbeleckt vom Klüngel in Washington, endete er als ratloser Neuling, ohne politische Erfahrung auf nationaler Ebene und mit zweifelhaftem Temperament. Stempel: not presidential – nicht als Präsident geeignet.

Die besten Chancen haben nun ironischerweise jene Aspiraten, die den frühen Ton der Dean-Kampagne übernahmen. Dean war es, der als Erster die offene Opposition zum Kriegspräsidenten Bush antrat, dessen Steuererleichterungen kritisierte und ein nationales Gesundheitssystem forderte. Bis dahin hatten sich die Demokraten vor allem als bessere Republikaner verkauft – dann sammelte Dean mit seinem Slogan „Ich repräsentiere den demokratischen Flügel der demokratischen Partei“ all jene Unzufriedenen und Frustrierten ein, die sich angesichts des Irakkriegs und der damit einhergehenden Patriotismus-Welle nicht zu Wort gemeldet hatten.

Als es in der Kandidaten-Kür jedoch darum ging, die Slogans mit Programmen zu untermauern, blieb Dean zu viele Antworten schuldig. Schwerer noch wog die emotionale Komponente. Die Präsidentenwahl in den USA ist immer auch eine Persönlichkeitswahl – und bei diesem Test fiel Dean durch. Die Medien lästerten, dass er wochenlang denselben Anzug trage, mit hochrotem Kopf befahl er einem Bush-Anhänger, sich hinzusetzen, statt auf dessen Frage zu antworten. Solche Fehler zu korrigieren – man denke an seine als „der Schrei“ in die Berichterstattung eingegangene Rede nach der Niederlage in Iowa –, dafür ließ die Terminhatz des dicht gedrängten Vorwahl-Kalenders keine Zeit. So schwollen die einst attraktiven Ecken und Kanten des Kandidaten Dean unter dem gnadenlosen Vergrößerungsglas der Medien zu Auswüchsen – hässlich genug für die Wähler, um sich in Scharen den windschnittigeren Konkurrenten zuzuwenden.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar