Zeitung Heute : Abgründig

Der Tagesspiegel

Von Andreas Conrad

Es soll Leute geben, für die ist der 1. April der Höhepunkt des Jahres. Sei es, dass sie schon die Vorfreude auf all die neuen famosen Aprilscherze zum Kichern bringt oder sie ihrem Jahresauftritt als Humorgranate entgegenfiebern. Für alle Tagesspiegel-Leser unter dieser Menschengruppe war die Ausgabe vom 1. April natürlich eine herbe Enttäuschung: Es gab sie gar nicht erst, feiertagsbedingt war sie mit der vom 31. März zusammengezogen worden. Ein nicht zu schließender Humorabgrund tat sich da auf, denn wohin jetzt mit all den diesjährigen Ausgeburten deutschen Witzwesens? Ganz oben standen, ebenfalls feiertagsbedingt, eckige Eier als angeblich letzter Gen-Schrei der Ostersaison. Angela Merkel, die sich im Falle eines Wahlsieges der Union von ihren Stirnfransen trennen wolle, lag auf gleichem Niveau, ebenso der sogar fotografisch dokumentierte Stehleiter-Einsatz bei der Pillenversorgung einer Giraffe mit Schluckbeschwerden. Und auch der Vorschlag der Berliner Gewerkschaft GEW zur Lösung der städtischen Finanzsorgen musste so der angemessenen journalistischen Aufmerksamkeit entbehren: Einfach sich das Restjahr 2002 sparen und ins Jahr 2003 übergehen. Mit den nicht ausgegebenen Milliarden könnte das Haushaltsloch glatt halbiert werden. Und wenn man sofort zum Jahr 2005 überginge, seien sogar noch Rücklagen drin. Ob das eine Lösung wäre, darf freilich bezweifelt werden, kämen nun doch alle, die GEW vorneweg, mit ausgestreckten Händen angelaufen, um sich von den angehäuften Rücklagen eine dicke Portion zu sichern. Bald wären sie wieder aufgezehrt, weitere Jahre müssten übersprungen werden, ein ewiger Kreislauf von Pannen und Pleiten. Eigentlich so wie heute.

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