Zeitung Heute : Abheben mit Antischwerkraft

Der Tagesspiegel

Von Claus-Peter Sesin

Sanft entschweben, himmelwärts streben, seelig sich erheben. Seit Jahrtausenden träumen Menschen davon, die Schwerkraft zu überwinden. Bisher gelang dies allenfalls spirituellen Großmeistern. Nun aber will die Nasa das Phänomen „Antischwerkraft" studieren. 600 000 Dollar hat die amerikanische Weltraumbehörde in den Nachbau einer Versuchsanordnung gesteckt, die nach Angaben ihres Erfinders, Eugen Podkletnow, das Schwerefeld der Erde teilweise „abschirmt". Die Apparatur soll im Nasa-eigenen Marshall Space Flight Center in Huntsville (Alabama) den Testbetrieb aufnehmen.

Podkletnow kam dem Antigravitations-Effekt erstmals 1992 auf die Spur. Dabei ließ der gebürtige Russe, ein anerkannter Dünnfilm- und Supraleitungs-Experte, eine Scheibe aus keramischem Hochtemperatur-Supraleiter über Magneten schweben.

Abstoßung gleicher Pole

Dies ist noch keine Hexerei. Bereits 1933 hatten die deutschen Physiker Walter Meißner und Robert Ochsenfeld herausgefunden, dass Supraleiter-Metalle wie Blei, Zinn, Niob und Titan, die bei Abkühlung auf Temperaturen dicht am absoluten Nullpunkt von minus 273 Grad Celsius verlustfrei elektrischen Strom leiten, über einem starken Magneten schweben: Das äußere Magnetfeld induziert im Supraleiter ein entgegen gerichtetes abstoßendes Feld – wie bei zwei aufeinander treffenden magnetischen „Nordpolen".

Dies funktioniert auch mit den 1986 von den Physikern Georg Bednorz und Alexander Müller entdeckten Hochtemperatur-Supraleitern (HTSL), die aus Keramiken wie Yttrium-Barium-Kupfer-Oxid bestehen. Inzwischen gibt es für diese in Laboröfen gebrannten Stoffe Hunderte von „Backrezepten" mit unterschiedlichsten Zutaten. Die derzeit besten HTSL werden bereits bei Temperaturen unterhalb von minus 133 Grad supraleitend. Für sie reicht flüssiger Stickstoff (minus 196 Grad) als Kühlmittel.

Eine solche selbstgebackene, 30 Zentimeter große HTSL-Scheibe platzierte Podkletnow über drei Elektromagneten in einem Behälter mit flüssigem Helium (seine HTSL werden erst bei minus 233 Grad supraleitend). Seitlich befanden sich weitere, mit schneller Wechselspannung gespeiste Elektromagneten, deren Magnetfeld die schwebende Scheibe zusätzlich in schnelle Rotation versetzte. Bei vollem Tempo – über 5000 Umdrehungen pro Sekunde – verloren über der Scheibe gewogene Proben bis zu 0,5 Prozent an Gewicht. Wurde die Scheibe durch Kurzschluss der seitlichen Elektromagneten abgebremst, verminderte sich das Probengewicht sogar um bis zu 2,1 Prozent.

Podkletnow veröffentlichte seine Ergebnisse im auf Supraleitung spezialisierten Fachblatt „Physica: C". Das renommierte britische „Journal of Physics: D" indes legte 1996 einen detaillierteren Artikel Podkletnows auf Eis, da Co-Autor Petri Vuorinen seine Mitarbeit bestritt. Nach einigem Hin und Her zog Podkletnow den Artikel zurück – aus „patentrechtlichen Gründen".

Immerhin hatten mehrere Sachverständige des Journals keine fachlichen Fehler finden können. Deshalb versuchten andere Forscher weltweit, Podkletnows Ergebnisse zu reproduzieren. Einige fanden einen kaum messbaren Effekt, der ebensogut „Fehlerrauschen" sein konnte. Andere bestätigten deutliche Gewichtsminderungen: John Schnurer, Direktor des unabhängigen Forschungsinstitut Physics Engineering in Yellow Springs, US-Staat Ohio, ermittelte 1997 bis zu 5,4 Prozent Gewichtsverlust – und gründete gemeinsam mit Podkletnow und dem italienischen Physiker Giovanni Modanese die „Gravity Society“ ( www.gravity.org ). Da Podkletnow behauptet, der Antigravitations-Effekt lasse sich durch mehrere „übereinandergestapelte" Apparaturen vervielfachen, würden – linear hochgerechnet – 20 Geräte Schnurers ausreichen, um hienieden komplette Schwerelosigkeit zu erzeugen.

Auch die Nasa experimentiert seit 1996 mit kleinen HTSL-Scheiben, kam aber zu keinem eindeutigen Befund. Deshalb entschied sich die Weltraumbehörde 1999, die Versuchsanordnung Podkletnows detailgetreu von der US-Firma Superconductive Compontents Inc. (SCI ) nachbauen zu lassen.

Antigravitation umweht zwar der Geruch von Science-Fiction. Doch auch gestandene Astrophysiker können die Existenz dieser mysteriösen Kraft nicht ausschließen. Andere Forschergruppen bestätigten die Resultate. Womöglich wird „ein Großteil des Universums durch den Überschuss einer seltsamen Energieform beeinflusst, die eine abstoßende Kraft ausübt", spekuliert der US-Astronom Michael Turner. Stephen Hawking dämpft indes die Euphorie: Wenn es diese Kraft „überhaupt gibt, ist sie sehr klein".

Auch Ron Koczor, Mitarbeiter der Nasa-Studie, hegt keine großen Erwartungen: „Das Ganze als hochspekulativ zu bezeichnen ist vielleicht noch untertrieben." US-Physiker rügen das Projekt gar als „Geldverschwendung". Dennoch meint Koczor, die Studie sei in Anbetracht der möglicherweise bahnbrechenden Erkenntnisse in jedem Fall einen Versuch wert. Womöglich hilft sie, eines der letzten großen Rätsel der Physik zu lösen: die Quanten-Gravitation. Einsteins Relativitätstheorie, die vor allem das Geschehen im Kosmos beschreibt, und die „subatomare" Quantentheorie stehen unversöhnlich nebeneinander. Bislang können Physiker die Schwerkraft lediglich berechnen, nicht aber ihr Zustandekommen mit Hilfe der Quantentheorie erklären.

Unterdessen trumpft Podkletnow mit neuen Sensationen auf. In einem Labor in Moskau will er einen „Impuls-Schwerkraftgenerator" konstruiert haben, der auf eine Entfernung von einem Kilometer ein aufrecht stehendes Buch umwerfen kann.

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