Zeitung Heute : Abheben mit Ideen und Service-Know-how

Kaum eine Branche bietet so viele Karrierechancen wie das Geschäft rund um Urlaub und Erholung. Verlierer sind die Reiseverkehrskaufleute

Regina-C. Henkel

Sein Geld mit etwas zu verdienen, wofür andere, nämlich zahlende Urlauber, tief in die Tasche greifen müssen: Wem würde das nicht gefallen? Die Tourismus-Studiengänge an Hochschulen und Universitäten jedenfalls boomen und Weiterbildungsangebote von Hotelfachschulen sind ebenso beliebt wie Fortbildungen zum Surftrainer oder zum „Lehrer für Wellness und Gesundheit“. Warum auch nicht? Im Tourismus werden Jobs in überwältigender Bandbreite angeboten. Die Stellenofferten reichen vom „Fahrradguide auf Mallorca“ über den Job als „Verkaufsleiter/in Nordwest“ bei einem Kreuzfahrten-Anbieter bis hin zum „Corporate Commercial“, der für eine spanische Hotelkette neue Vertriebspartner akquirieren soll.

Dass auf der Internationalen Tourismusbörse (ITB), die am Freitag in den Messehallen unterm Funkturm eröffnet worden ist, noch sehr viel exotischere Jobangebote gemacht – und auch angenommen – werden, ist so so sicher wie geplant. Das frühere Wissenschaftszentrum der ITB heißt jetzt „Market, Trends and Innovations“ (MTI) und soll als Kontaktbörse dienen: In den Hallen 5.1 und 7.1b werden von 60 staatlichen und privaten Bildungseinrichtungen, von Forschungsinstituten und Unternehmen „neue Märkte, neue Produkte und neue Geschäftsmodelle“ vorgestellt. Die Kongressthemen reichen von „Aufbruch durch Strukturwandel“ bis „Trends im E-Tourismus“.

Anlass, sich Gedanken um Neues zu machen, gibt es in der Branche reichlich. Irak-Krieg, drohende Terroranschläge, weltweite Wirtschaftskrise und Sars-Epidemie beutelten die Branche in jüngster Zeit mächtig. Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) mahnt: „Zuversicht ist das Gebot der Stunde“, denn der Abwärtstrend beim Umsatz habe sich im Jahr 2003 fortgesetzt. Das bleibe nicht ohne Folgen für die Arbeitsplatzsicherheit. Der Verband rechnet der Branche unmittelbar, mittelbar und inklusive der Teilzeit- und Saisonarbeitskräfte rund 2,8 Millionen Beschäftigte zu. Den Anteil der vom Tourismus abhängigen Arbeitsplätze an der Gesamtbeschäftigung beziffert die Dehoga mit acht Prozent.

Andere Tourismus-Experten haben da ganz andere Größenordnungen vor Augen. Anders als die Dehoga, die lediglich Branchen wie Einzelhandel oder Verkehr indirekt zum Tourismus zählt, gehören für das Münchner Beratungsunternehmen Ulysses ganz selbstverständlich auch Forschung, Marketing oder auch Schulung in die breite Palette von Dienstleistungen rund um den Tourismus. Die Websites vom Tochterunternehmen www.web-tourismus.de widmen sich daher auch ausführlich dem Thema Aus- und Weiterbildung – und Geld. Zu lesen ist dort nicht nur, dass sich „vergleichsweise gute Gehälter nur im Bereich der Managementebene innerhalb der Tourismusindustrie oder beim Staat verdienen“ lassen. Zugleich sagen die Experten aber auch, dass sich die Konkurrenz in der Branche verschärft hat und dies im Umkehrschluss bedeutet, dass qualifizierteres Personal benötigt wird. Das habe eigentlich seinen Preis, doch die Realität in der Tourismuswirtschaft sehe anders aus. Als typische Beispiele für Brutto-Jahreseinkommen nennen die Ulysses-Experten:

– Hotelfachmann/frau: 15 500 Euro,

– Restaurantfachmann/frau: 15 500 Euro,

– Reiseverkehrskaufmann/frau:16 500 Euro,

– Luftverkehrskaufmann/frau: 23 500 Euro,

– Trainee (Reiseveranst.): bis 31 000 Euro,

– Staatliche Stellen (Kur, Fremdenverkehrs- ämter) zahlen nach BAT: etwa 32 000 Euro.

Die Müchner Berater wundert es nicht, dass sich bei den „im allgemeinen recht unattraktiven Gehaltsstrukturen“ Absolventen touristischer Studiengänge lieber für den Einstieg in andere Dienstleistungsbranchen entscheiden. Etwa als selbstständige Unternehmer im Wachstumsmarkt „Cruises“. Viele Kreuzfahrtunternehmen schaffen zweistellige Umsatzsteigerungen und rund um dieses Business werden Profis gebraucht, die sich etwas einfallen lassen und viel von Service verstehen (siehe Beiträge unten).

Genau das erwarten die Kunden der Tourismusbranche auch in den rund 15 000 Reisebüros in Deutschland – und bekommen es manchmal sogar. Gleichwohl mussten allein im Jahr 2003 mehr als 700 Büros schließen. Das kostete tausende Reiseverkehrskaufleute den Job. Zwar waren mit rund 68 000 Reiseverkehrskaufleuten im Jahr 2002 gut 4000 mehr dieser Spezialisten in Lohn und Brot als 1999. Doch stärker als die Beschäftigtenzahl stieg die Arbeitslosenquote: um 38 Prozent. Etwa 78 Prozent der Entlassenen waren dual ausgebildete Tourismusexperten.

Elektrotechnik-Ingenieur Rainer Wiedmann und Wirtschaftsinformatiker Martin Nitsche kennen den Grund für diese Entwicklung. Sie sind die „Kapitäne“ der Dialog- und Multimedia-Agentur argonauten360°, in der rund 150 „multidisziplinär denkenden und international ausgebildete Menschen“ beschäftigt sind und ihr Geld mit Studien wie „Qualität des Interessenten-Managements in der Tourismusbranche“ verdienen. Dazu wurde auch die Leiterin eines Reisebüros in der Berliner Innenstadt befragt. Deren Aussage werten die Dialogforscher als typisch: „Unser Reisebüro ist immer voll, nur buchen tun die Leute nicht bei uns.“

Wo die Reisen heute abgewickelt werden, weiß das Forsa-Institut: Mehr als ein Viertel aller Internet-Nutzer will seinen Urlaub 2004 online buchen. Das sind sechs Millionen Menschen, die vor allem eins wollen: rundum verwöhnt werden. Um das sicherzustellen, wird viel Personal gebraucht und auch gesucht. Die Deutsche Zentrale für Tourismus (DZT) etwa hat die Leitung Finanzmanagement und eine PR-Stelle in New York ausgeschrieben, der Deutsche Tourismusverband sucht Praktikanten aus Freizeitpädagogik-, BWL- oder Geografie-Studiengängen, und unter www.expedia.de sind Jobs für Webdesigner und Market Manager ausgeschrieben. Ticketverkauf, Übernachtungsgeschäft und Gastronomie beschäftigen heute nur noch einen Bruchteil derer, die ihr Einkommen aus der Reisekasse der Urlauber bestreiten.

Weitere Infos im Internet unter:

www.web-tourismus.de, www.argonauten.de, www.touristik-deutschland.de, www.ist.de, www.bsa-akademie.de.

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