Zeitung Heute : Abitur in einem Jahr

Das Studienkolleg bereitet ausländische Bewerber auf ein Studium in Berlin vor

Marion Jüstel

Bitte ergänzen Sie die unvollständigen Wörter: „Rund 1,7 Millionen Bundesbürger besuchten im letzten Jahr Englands Hauptstadt London. Die mei_______ der deut______ Bundesbürger ga______ ihr Ge______ beim Eink_______ aus.“

Ausländische Studienbewerber, die derartige Sprach- und Verständnistests problemlos lösen können, sind auf dem besten Weg zu einem Studium in Berlin. Genauer gesagt, zu einem Platz am Studienkolleg der Freien Universität Berlin, das die Zugangsvoraussetzungen dafür schafft.

Das Studienkolleg bereitet Studierwillige, deren Heimat-Schulabschluss für die Aufnahme eines Hochschulstudiums in Deutschland nicht ausreicht, auf die Feststellungsprüfung – eine dem Abitur vergleichbare Eignungsprüfung – vor. Mit erfolgreichem Abschluss steht den Teilnehmern der selbe Bewerbungsweg offen, den deutsche Studienanwärter durchlaufen: für eine der beiden großen Berliner Universitäten, Freie Universität und Humboldt-Universität, für das Universitätsklinikum Charité oder die Universität der Künste. Das einjährige Ausbildungsprogramm ist fachlich unterteilt. Je nach Schwerpunkt lernen die Teilnehmer in ganztägigen Seminaren relevantes Studienwissen der Wirtschafts-, Geistes-, Sprach- oder Medizinwissenschaften.

Die derzeit rund 80 Teilnehmer pro Jahr haben mit Beginn des Kursprogramms eine kleine Bewerbungs-Odyssee hinter sich. „Anfangs ärgern sich viele über das deutsche Zulassungsverfahren – schließlich haben sie in ihrem Heimatland bereits die Hochschulberechtigung erworben“, erzählt Julius Caesar, der Leiter des Studienkollegs. Beim jährlichen Sommerfest erhalten die Ausbilder jedoch durchweg positive Rückmeldungen: „Als Fazit kommt oft heraus, dass unsere Absolventen mit dem Studienbeginn oft besser zurecht kommen als viele ihrer einheimischen Kommilitonen“, so Caesar. Neben den wissenschaftlichen Inhalten lernen die Teilnehmer bereits vor der Aufnahme ihres Studiums, wie man sich auf dem Campus orientiert, welche Abteilungen an einer Universität wofür zuständig sind, wie man sich in den Bibliotheken Bücher ausleiht und ähnliches Wissen, das den Einstieg der Erstsemester erleichtert.

Caesars Team – acht Vollzeit- und vier Teilzeit-Lehrkräfte – bereitet die Teilnehmer nicht nur inhaltlich auf das künftige Studienfach vor, sondern vermittelt ihnen vor allem Lern- und Arbeitstechniken für ein Studium an einer deutschen Hochschule. Diese unterscheiden sich zum Teil deutlich von den Anforderungen ihres Heimatlandes: „Grundwissen und Methodik unserer Teilnehmer sind völlig anders“, erklärt Caesar. „Wer aus einem Schulsystem kommt, das in erster Linie auswendig Gelerntes fordert, stößt bei Verständnis- und Transfer-Aufgaben schnell an seine Grenzen“.

Zusätzlich zur fachlichen Unterstützung helfen die Mitarbeiter des Studienkollegs bei der Orientierung im fremden Land – im Universitätsbetrieb genauso wie bei Behördengängen, der Wahl eines Arztes oder einfach im Berliner Alltag. „Wenn unsere Schüler Heimweh haben, muss man sich auch mal außerhalb des Unterrichts eine halbe Stunde Zeit nehmen“, sagt Caesar. Dem Studienrat macht die enge Zusammenarbeit mit den jungen Leuten – der Großteil ist um die 20 Jahre alt – sichtlich Freude. „Sie sind engagiert, höflich und bringen uns ein hohes Maß an Achtung entgegen“, schwärmt Caesar. „Allein der Mut, ins Ausland zu gehen, weist auf große Offenheit hin.“ Diese Aufgeschlossenheit ist wichtig: Das Studienkolleg lebt von gegenseitiger Toleranz, die sich laut Caesar im Umgang miteinander täglich neu beweist. „Wir haben Vertreter vieler verschiedener Nationen hier, zwischen deren Heimatländern zum Teil erhebliche Spannungen herrschen“, sagt er. Unabhängig von ihrer Herkunft seien die Teilnehmer des Studienkollegs selbst weitgehend frei von derlei Vorurteilen: Selbst politisch brisante Diskussionen seien bisher immer konstruktiv verlaufen.

Zwei Drittel der Teilnehmer kommen aus Ländern des ehemaligen „Ostblocks“ wie Russland, Weißrussland, der Ukraine, Bulgarien und Rumänien. Die Heimatländer der Übrigen verteilen sich bunt über den Erdball: Naher Osten, Südamerika, Vietnam, China, Türkei, Afrika. Einzig EU-Bürger sind nicht vertreten. Sie müssen für die Bewerbung zum Hochschulstudium lediglich ausreichende Deutschkenntnisse vorweisen.

Seit der Gründung 1961 haben etwa 5000 ausländische Studierende das Kolleg erfolgreich durchlaufen. Die Kosten des Weiterbildungsprogramms trägt die Freie Universität Berlin, die großen Wert auf ihre internationale Ausrichtung legt. Zu deren Erhalt will das Studienkolleg auch künftig beitragen: Mit einem Propädeutikum, also einem universitären Vorkurs, der ausländische Studienbewerber auf die speziellen Anforderungen der neuen Bachelor-Studiengänge vorbereitet. Diesmal für alle Bewerber – auch aus den Ländern der Europäischen Union.

Weiteres im Internet:

www.fu-berlin.de/fu-international/de/studkoll/studkoll.htm

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