Abitur nach 12 Jahren : Organisieren muss man schon

Die Bedingungen an den Schulen sind schlecht: wer kein Essen bekommt und keinen Arbeitsplatz, sich in muffigen Fluren hermdrücken will, der möchte nicht bis 16 Uhr bleiben. Doch die Kürzung von Unterrichtsstunden ist keine gute Lösung. Ein Kommentar von Susanne Vieth-Entus.

Tag für Tag spielt sich in Deutschland eine gigantische Fluchtbewegung ab: Um die Mittagszeit verlassen Schüler und Lehrer in geradezu panisch anmutender Eile die Schulgebäude. Sie wollen raus aus Klassenzimmern, in denen uralte Gardinen halb abgerissen vor den Fenstern hängen, raus aus Lehrerzimmern, die jedem Pädagogen im Schnitt 80 Zentimeter Schreibtischfläche zuweisen, raus aus Gemäuern, die ihnen weder ruhige Arbeitsecken noch eine warme Mahlzeit bieten.

Vor diesem Hintergrund ist klar, dass die Verkürzung des Abiturs auf zwölf Jahre und die damit einhergehende Verlängerung des Unterrichts in den Nachmittag hinein früher oder später zu Protesten führen musste: Wer kein Essen bekommt, keinen ruhigen Arbeitsplatz, keinerlei Hausaufgabenbetreuung und sich stattdessen in schlecht gereinigten Fluren und zwischen verschlissenen Möbeln herumdrücken muss, der will nicht bis 16 Uhr in der Schule bleiben. Der will lieber wieder 13 Jahre bis zum Abitur haben und dafür hübsch um 14 Uhr zu Hause essen und dann in Ruhe Hausaufgaben machen.

Anstatt nun aber konsequent die Rahmenbedingungen zu verbessern, was viel Geld kosten würde, fordern etliche Landespolitiker quantitative Abstriche beim Unterricht. Dabei müsste ihnen klar sein, dass deutsche Schüler schon jetzt im internationalen Vergleich nicht besonders viele Schulstunden haben. Sie brauchen deshalb nicht weniger Unterricht, sondern eine bessere Organisation des Schulalltags. Dazu gehört, dass man ihnen nicht acht verschiedene Fächer pro Tag plus achtmal Hausaufgaben zumutet, sondern nur vier Fächer in Doppelstunden. Dazu gehört, dass es eine lange Mittagspause gibt, in der man neue Kraft schöpfen kann. Dazu gehört, dass Hausaufgaben auf das Wesentliche reduziert werden. Das alles haben die Schulen selbst in der Hand, es ist eine Frage der Fantasie.

Anders ist es mit dem warmen Essen und den Aufenthaltsräumen. Die Bundesregierung muss erklären, warum sie dem Vier-Milliarden-Euro-Programm für die Ganztagsgrundschulen keines für Ganztagsoberschulen folgen lässt. Die Kommunen müssen erklären, warum sie ihre Schulen stärker verkommen lassen als andere öffentliche Bauten. Politiker wie Berlins Regierender Bürgermeister müssen erklären, warum sie zwar für Hausaufgabenbetreuung in den Schulen plädieren, aber nichts dafür ausgeben wollen.

Die Antwort auf diese Ungereimtheiten lautet nicht: Wir kürzen die Unterrichtsstunden. Im Gegenteil. Denn die zusätzlichen Stunden, die jetzt ab Klasse fünf erteilt werden, bieten vielen Schülern fantastische Chancen. Das zeigt sich besonders in Berlin, wo eben nicht nur die Gymnasiasten mehr Unterricht bekommen, sondern auch alle Real- und Gesamtschüler, um ihnen den Weg zum Abitur offenzuhalten. Wenn diese Jugendlichen schon nach der zehnten Klasse die Schule verlassen, haben sie ein besseres Rüstzeug als bisher. Und wenn sie gut gelernt haben, können sie auf Berlins Gesamtschulen oder Berufsschulen wie früher das Abitur nach 13 Jahren machen.

All das konnte natürlich der notorische ARD-Talker Reinhold Beckmann nicht wissen, als er mal eben so fürchterlich betroffen über die Überlastung seiner Kinder schwadronierte und damit eine öffentliche Debatte auslöste, die keine so einfachen Antworten bietet, wie Moderatoren wie er sie gern hätten.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben