Zeitung Heute : Abkehr vom Vollzeitjob

Adelheid Müller-Lissner

"Mit Hilfe meiner Nachtglocke martert mich der ganze Bezirk", so stöhnt der Landarzt in Franz Kafkas berühmter Erzählung. Er ist es gewöhnt, bei Nacht und Nebel seine Pferde anzuspannen. An feste Dienstzeiten war für diesen Hausarzt alten Schlages und seine Kollegen nicht zu denken.

Auch wenn sie heute nicht mehr mit Pferd und Wagen kommen: Überstunden machen Ärzte auch heute noch. Zu mehr als einem Acht-Stunden-Tag bereit zu sein, erscheint vielen gar als Qualifikationsmerkmal für den auch heute noch prestigeträchtigsten der helfenden Berufe.

Nun gibt es erstmals für eine Großstadt konkrete Zahlen: Berlins Krankenhaus-Ärzte leisten über die vertragliche festgesetzte Arbeitszeit hinaus Mehrarbeit im Wert von 128 Millionen Mark. 74 Prozent davon werden weder bezahlt noch durch Freizeit ausgeglichen. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Befragung, die der Berliner Arzt Daniel Sagebiel für seine Magisterarbeit im Aufbaustudiengang Public Health der Technischen Universität auswertete.

Die Zahlen sind beeindruckend: Die Befragten arbeiten täglich durchschnittlich 9,2 Stunden und kommen, wenn man die Bereitschaftsdienste dazunimmt, auf stolze 57,8 Arbeitszeit in der Woche. Im Durchschnitt machen diejenigen Mediziner, die in Krankenhäusern beschäftigt sind, im Monat 30,7 Überstunden. Damit leisten sie mehr als doppelt so viel Mehrarbeit wie andere Berufsgruppen. Ganze sechs Prozent der Befragten gaben an, gar keine Überstunden zu machen. Noch eines verbindet die Berliner Mediziner mit Kafkas unglücklichem Landarzt: Ihre Wünsche an die eigene Arbeitszeit sehen der Befragung zufolge ganz anders aus als die Wirklichkeit: Mehr als die Hälfte der Befragten träumt nämlich von einer Reduzierung der Arbeitszeit. Diese Ärzte und Ärztinnen würden gerne in Teilzeit arbeiten. Realisiert hatten dieses Ziel aber nur 18 Prozent der Interviewten. Erstaunlich: Mehr Singles als fest Liierte machen von der Möglichkeit der Teilzeitarbeit Gebrauch. Dabei wurde aber nicht ermittelt, ob die Alleinlebenden vielleicht auch alleinerziehend sind.

Erwartungsgemäß ist das Interesse für flexible Arbeitszeitmodelle bei Frauen deutlich höher als bei Männern. Besonders aufgeschlossen dafür ist die Altersgruppe der Mittdreißiger. Als Hauptmotiv für den Wunsch nach einer Reduzierung der Arbeitszeit wird der Gewinn an privat nutzbarer Zeit genannt. Die überwiegende Mehrheit der Teilzeit-Interessenten will nicht halbtags arbeiten, sondern strebt eine höhere Stundenzahl an - wahrscheinlich nicht zuletzt aus finanziellen Erwägungen. Der Zweidrittel- bis Dreiviertel-Job, gerne auch in En-Bloc-Einheiten vom vollen Arbeitspensum und anschließendem Freizeitausgleich, ist für die Befragten das Ideal.

Aber können Mediziner ihren Beruf überhaupt in Teilzeit ausüben? Viele sagen: In Ämtern und Behörden mag das ja möglich sein, als Angestellter in einer Facharztpraxis mag man es auch noch hinbekommen - aber im Krankenhaus mit seinem Rund-um-die-Uhr-Betrieb ist es undenkbar.

Die befragten Berliner Ärzte und Ärztinnen denken darüber offensichtlich anders: Fast 80 Prozent von ihnen halten die Umsetzung von Teilzeit-Arbeitsmodellen prinzipiell für möglich, 65 Prozent können sich sogar vorstellen, dass ein solches Modell an ihrem eigenen Arbeitsplatz funktionieren könnte. 44 Prozent glauben allerdings, dass Verwaltungen und Chefärzte sich dem in den Weg stellen, 66 Prozent geben an, dass der Informationsfluss leiden könnte, wenn Stellen und Patienten "geteilt" werden. Unmöglich ist es aber nicht, ihn zu erhalten. Andere Berufsgruppen zeigen es. Schon heute arbeiten zahlreiche Krankenschwestern und auch Pfleger Teilzeit, und auch sie müssen dafür sorgen, dass die von ihnen betreute Station ordnungsgemäß "übergeben" wird.

Neben der höheren Lebensqualität für sich selbst sehen die Mediziner der Befragung zufolge den Hauptvorteil solcher Modelle darin, dass die Teilzeitarbeit hilft, Arbeit tatsächlich zu teilen, wodurch neue Arbeitsplätze entstehen. Die Ärztekammer Berlin hat denn auch schnell errechnet, dass allein in Berlin über 1000 Vollzeitarbeitsplätze entstehen könnten, wenn die Teilzeitwünsche der Ärzte erfüllt würden. Würde man auch die Überstunden abbauen und das Urteil des Europäischen Gerichtshofs umsetzen, demzufolge Bereitschaftsdienst zur Arbeitszeit zählt, dann entstünden auf einen Schlag 4000 neue Arbeitsplätze für Ärzte allein in der Hauptstadt. Auf Bundesebene, so hat Sagebiel hochgerechnet, wären das 56 000 zusätzliche Stellen. Schon mit den 8250 arbeitslos gemeldeten Medizinern allein könnten sie überhaupt nicht besetzt werden.

Der Europäische Gerichtshof hatte mit seinem Urteil übrigens auch auf die Qualität der medizinischen Versorgung abgehoben. Die logische Schlussfolgerung aus dem bisher Gesagten: Eigentlich herrscht im Bereich der Krankenhaus-Medizin in Deutschland längst Personalmangel. "Auch wenn nicht alle Überstunden generell abgeschafft werden können, sind die täglich geleisteteten Überstunden größtenteils vorhersehbar und könnten zugunsten von Neueinstellungen umverteilt werden", schreibt die Ärztekammer-Zeitschrift "Berliner Ärzte".

Möglich, dass vor allem fertig ausgebildete Ärztinnen, die das harte Brot der Kliniklaufbahn dem Familienleben geopfert haben, durch kalkulierbarere und damit familienfreundlichere Arbeitszeiten zur Rückkehr bewegt werden könnten. Schließlich hinkt die Medizin in dieser Hinsicht anderen Berufsfeldern inzwischen deutlich hinterher. Abgesehen davon, dass das berufliche Engagement eines derart lebenserfahrenen Personenkreises mit guter Ausbildung den Krankenhäusern gut tun könnte: Auch dem Familienfrieden muss es durchaus nicht schaden.

70 Prozent der Teilzeit-Ärzte, aber nur 53 Prozent ihrer voll beruflich eingespannten Kollegen gaben in der Befragung des Berliner Public-Health-Forschers an, ihre private Lebenszufriedenheit sei hoch. Zwar sahen auch die Vielbeschäftigten keinen nachteiligen Effekt auf ihre berufliche Zufriedenheit. Doch es bleibt die - nicht ganz unwichtige - Frage, wie die Arbeitsbelastung der sie betreuenden Ärzte sich auf eine Gruppe auswirkt, die der Gesundheitsforscher diesmal nicht befragte, obwohl keine Rechnung ganz ohne sie gemacht werden kann: die Patienten.

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