Zeitung Heute : Abpfeifen

Robert Ide

Wie ein Ost-Berliner die Stadt erleben kann

Erstens: Die Pflanzen sind verdorrt. Auf dem Balkon hat die Sonne die grünen Blätter pulverisiert. In meinem Zimmer verlieren die Palmen ihre Wedel.

Zweitens: Ich habe eine Einspruchsfrist verpasst. Eine Mieterhöhung kam ins Haus, doch ich hatte keinen Blick für die vielen Seiten, auf denen das Ende des Frist stand: Es fiel leider mit einem Viertelfinale zusammen.

Drittens: Der Kühlschrank ist leer. Trotz verlängerter Öffnungszeiten ist nicht mal ein kühles Bier da. Es war ja auch draußen genug los.

Viertens: Die Wohnung ist vermüllt. Spielpläne, Taktikanalysen und Tippspiele stapeln sich, darunter und darüber ungewaschene Klamotten.

Fünftens: Mein Handy ist nur bedingt funktionstüchtig. Der Akku hat die vielen Telefonate nicht überstanden, mit denen die Spiele zu analysieren und zu diskutieren waren.

Sechstens: Der Briefkasten ist kaputt. Irgendwann wollte ich morgens in aller Eile die Zeitung rausreißen, doch das Schloss hielt meiner Hektik nicht stand. Wenn jetzt die Mieterhöhung kommen würde, würde sie vielleicht ungesehen herausfallen.

Siebtens: Ich habe Schulden. In meinem Lieblingsrestaurant „Fellas“ habe ich anschreiben lassen, als ich etwas aß und nebenbei ein Achtelfinale verfolgte. Mir fiel auf, dass ich kein Geld dabei hatte. „Ich zahle morgen“, sagte ich. Morgen liegt schon zwei Wochen zurück.

Achtens: Ich habe nichts mitbekommen von der Welt. Meine Freunde regen sich über die Gesundheitsreform auf, aber ich weiß nicht, wovon sie sprechen. Ist weltpolitisch was passiert? Ich kann nur bei Trainerentlassungen mitreden.

Neuntens: Ich kann abends nicht mehr früh schlafen gehen.

Zehntens: Ich fühle mich krank.

Das ist der Preis, den ich für die Fußball-Weltmeisterschaft zahle. Ich zahle ihn gern.

Restaurant „Fellas“ in der Stargarder Straße am Bahnhof Schönhauser Allee.

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