Zeitung Heute : Abrechnung mit dem Friedensfreund

Der Tagesspiegel

Von Martin Gehlen

Er war von Anfang an dabei. 1992 arrangierte er das erste Geheimtreffen zwischen Israel und PLO-Vertretern in Oslo. Manchmal wurde in seinem Wohnzimmer verhandelt, manchmal im abgelegenen Gästehaus der norwegischen Regierung. Immer wenn es schwierig wurde, waren der norwegische Diplomat und seine Frau Mona zur Stelle, um zu vermitteln, zu beruhigen und die genervten Gesprächspartner zu ermutigen. Ohne Terje Roed-Larsen und seinen Chef, den 1994 verstorbenen norwegischen Außenminister Johan Joergen Holst, wäre der Oslo-Vertrag wohl nicht zustande gekommen – die größte Hoffnung auf Frieden seit der Gründung des Staates Israel. Der Enthusiasmus, der Optimismus und die Zusammenarbeit der damaligen Tage ist heute kaum noch vorstellbar. Den Nachmittag des 4. November 1995 vor der großen Friedensdemonstration in Tel Aviv verbrachte Larsen mit dem israelischen Chefunterhändler Uri Savir im Cafe Basel in Tel Aviv. Wenige Stunden später erreichte ihn die Nachricht von der Ermordung des israelischen Premiers Yitzhak Rabin während eines Abendessen mit PLO-Chef Jassir Arafat in Gaza.

Mit der Region in Berührung gekommen war der rührige Diplomat erstmals in den achtziger Jahren. Damals hatte er als Direktor des von ihm gegründeten norwegischen Fafo-Instituts für angewandte Soziologie die Lebensbedingungen der Palästinenser in der West-Bank und im Gaza-Streifen erforscht. Während dieser Zeit gewann er das Vertrauen der PLO, die ihn dann 1992 um die Vermittlung eines geheimen Gesprächskanals zur neu gewählten Regierung Rabin bat.

Heute steht der ehemalige Soziologieprofessor vor den Trümmern seines Lebenswerkes, der Suche nach Frieden und Ausgleich zwischen Israelis und Palästinensern. Scharons Regierung spielt offen mit dem Gedanken, ihn zur unerwünschten Person zu erklären. In den israelischen Ministerien wird er inzwischen offen als „Sprecher Arafats" diffamiert und sein alter Freund Schimon Peres findet nur dürre Worte zur Verteidigung des UN-Sondergesandten.

Auslöser dieser Regierungskampagne war Larsens Besuch im von der israelischen Armee teilweise zerstörten Flüchtlingslagers Dschenin, in dem vorher 14 000 Menschen leben. Mit bleicher Miene sah der Diplomat zu, wie Palästinenser mit bloßen Händen versuchten, verschüttete Verwandte aus den Trümmern auszugraben. Das Camp sehe aus wie nach einem Erdbeben, der „grausige" Anblick sei „schrecklicher als alles, was man sich vorstellen kann". Die Weigerung Israels, Hilfsorganisationen und Rettungstrupps tagelang den Zugang zu dem zerstörten Lager zu verwehen, nannte der ehemalige Oslo-Vermittler „moralisch abstoßend" und sprach von einem „beschämenden Kapitel der Geschichte Israels". Unterstützung gegen erhielt Roed-Larsen von seinem Chef, UN-Generalsekretär Kofi Annan. Er habe die israelische Kritik an dem UN-Gesandten mit „Irritation" zur Kenntnis genommen, sagte Annan. In die Arbeit Roed-Larsens habe er „volles Vertrauen". Dieser habe sich in den vielen Jahren seines Bemühens um eine Lösung des Nahostkonfliktes „immer objektiv, professionell und mitfühlend verhalten". Auch der Bedrängte zeigt sich unbeirrt. Er sei ein Freund Israels ebenso wie der Palästinenser und gedenke dies auch zu bleiben, erklärte er und fügte hinzu: „Ich werde weiter für den Frieden im Nahen Osten arbeiten."

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