Abriss eines Monuments in der Türkei : Die Hand am Denkmal

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Als ein Kran am Dienstag im nordostanatolischen Kars einen 19 Tonnen schweren Stahlbeton- block von einem riesigen Denkmal wuchtete, erfüllten sich für einige Türken die schlimmsten Befürchtungen: Weil das Kunstwerk dem Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan nicht gefalle, werde es abgerissen.

Das „Monument der Menschlichkeit“ in Kars ist 30 Meter hoch und mehrere hundert Tonnen schwer. Bildhauer Mehmet Aksoy sieht es als Ausdruck der Freundschaft zwischen der Türkei und Armenien, dessen Grenze östlich von Kars verläuft. Aksoys Werk zeigt zwei riesige Betonfiguren, die sich gegenüberstehen, kann aber auch als eine einzige gespaltene Figur gesehen werden. Doch seit Erdogan das Kunstwerk als „Monstrum“ bezeichnete, das verschwinden müsse, ist das Schicksal des Monuments besiegelt. Es wird abgerissen.

Kurz nach Erdogans Bemerkung hatte der Stadtrat von Kars für den Abriss gestimmt. Opposition und Künstler sehen darin einen Beweis für diktatorische Tendenzen. „Auch Hitler hat Denkmäler abreißen lassen“, sagt der Schauspieler Müjdat Gezen, und Bildhauer Aksoy verglich die Abrisspläne mit den Untaten der Taliban, die 2001 in Afghanistan riesige Buddha-Statuen in die Luft jagten.

Die Erdogan-Regierung hatte zwar ein Grundsatzabkommen mit Armenien unterzeichnet und damit trotz des Streits um den Völkermord an den Armeniern ihren Willen zur Annäherung an den Nachbarn dokumentiert. Doch ob Erdogan will oder nicht: Dass der Abriss in Kars ausgerechnet zwei Tage nach dem Jahrestag der Armenier-Massaker am 24. April begann, dürfte in Eriwan als gezielte Botschaft ankommen.

Tatsächlich habe Erdogan einen schweren Fehler begangen, schrieb Kolumnist Yavuz Baydar in der regierungsnahen Zeitung „Today’s Zaman“. Doch einige der Kritiker, die dem Premier nun die Gefährdung von Kunstfreiheit, Demokratie und Aussöhnung mit Armenien vorwürfen, seien sonst für ganz andere Positionen bekannt, schrieb Baydar: „Einige sympathisieren offen mit einem Militärputsch und einige reden nicht sonderlich freundlich über die Leute auf der anderen Seite der Grenze.“ Susanne Güsten

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