Zeitung Heute : Abschied auf Chinesisch

Rau bleibt sich treu auf einer seiner letzten großen Reisen und übt Kritik an Peking

Harald Maass[Shanghai]

Plötzlich ist es im Vorlesungssaal bedrückend still. Gerade hatte Johannes Rau zu den rund hundert chinesischen und deutschen Studenten der Pekinger Tsinghua Universität über Außenpolitik gesprochen. Etwas angestrengt hatte der Bundespräsident den Redetext „Zur Rolle Deutschlands und Chinas in der Welt“ vorgetragen. Bei den anschließenden Fragen der chinesischen Studenten musste er sich erschöpft auf einen Stuhl neben das Redner-Pult setzten. Nach ein paar Minuten fragt der Rektor, ob nicht auch die deutschen Studenten Fragen stellen wollten. Niemand reagiert. Die Studenten betrachten ihre Hände. Ehe sich einer traut, geben die Protokoll-Beamten Signal zum Aufbruch.

Vielleicht zählt dieser Termindruck zu den „Zwängen eines Staatsmannes“, von denen Johannes Rau gesprochen hatte, als er vor knapp zwei Wochen seinen Verzicht auf eine zweite Amtszeit angekündigt hatte. Kurz danach brach er zum Staatsbesuch nach China auf. Es ist nicht seine letzte große Reise als Bundespräsident, natürlich werde in den verbleibenden zehn Monaten seiner Amtszeit die Arbeit „normal weiterlaufen“, erklärt Rau. Und doch ist diese Reise, von der alten Kaiserstadt Xian über Peking, Nanjing und Shanghai bis nach Hongkong, so etwas wie der Anfang vom Abschied.

Die Große Mauer bei Badaling – Pflichttermin für den Staatsgast. Mühsam steigt Rau die Stufen bis zur ersten Plattform hinauf. Das Gesicht des 72-Jährigen ist gerötet. Dicht folgt der Tross von Diplomaten, Journalisten und Kofferträgern. Die Große Mauer sei kein Schutzwall gewesen, sondern habe „den Frieden zwischen den Völkern gesichert“, behauptet der chinesische Führer. Rau kneift die Augen leicht zusammen. „Wie alt ist denn die Mauer nun?“, fragt er. Fotogelegenheit für die Journalisten. Für den Eintrag ins Gästebuch zitiert Rau Theodor Fontane: „Das Große spricht für sich selbst.“ Dann rast die schwarze Präsidenten-Limousine, gefolgt von chinesischen Sicherheitswagen und einer Schlange aus Delegationsbussen über die abgesperrte Autobahn zurück in die Stadt.

Der Reiseablauf ist minutiös durchgeplant: Treffen mit dem Provinzgouverneur, Gespräche mit deutschen Mittelständlern, die Tempelbesuche für Raus Ehefrau Christina. Das Treffen mit Staatschef Hu Jintao in Peking ist formal der politische Höhepunkt der Reise. In der Großen Halle des Volkes, einem Monumentalbau mit Granitsäulen und sozialistischen Ölgemälden an den Wände, sitzen die Delegationen an einem langen Tisch gegenüber. Rau erzählt eine Anekdote über die vielen Fahrräder, die er bei seinem ersten Besuch in China gesehen habe – dann drängen chinesische Sicherheitsbeamte die Journalisten aus dem Raum. Von einem „sehr guten Gespräch“ wird Rau am Abend im Hotel berichten. Ansonsten sagt er wenig über das Treffen. Seinen großen Auftritt hat sich Rau für später aufgehoben.

Hilton Hotel Shanghai, 40. Stock. Ein thüringischer Koch brät abends Würste für die Delegation. Rau sitzt mit einem Glas Bier am Tisch, zitiert Gustav Heinemann und erzählt dem deutschen Botschafter Anekdoten. In der von blauen Lampen beleuchteten Hotellounge wirkt er wie ein Mann aus einer anderen Zeit, das weiße Haar steht etwas wirr vom Kopf. In der rechten Hand eine Stuyvesant, deren Rauch er tief einsaugt. Vielleicht ist es gerade das Unmoderne, das Johannes Rau als Politiker so ehrlich erscheinen lässt. Offizielle Reden seien für ihn eher Pflicht, sagen Leute, die ihn schon länger begleiten. Seine Stärke ist das persönliche Gespräch, das er mit einer Mischung aus väterlichem Humor und staatsmännischer Ernsthaftigkeit zu führen pflegt. Das wird auch in China deutlich – sei es in der Diskussion mit chinesischen Unternehmern oder beim Händeschütteln mit deutschen Arbeitern eines Chemiewerks.

Es ist der Hörsaal der Nanjing Universität, ein von Rasen umgebener traditioneller Holzbau mit einem geschwungen Dach, den sich der Bundespräsident für den Höhepunkt seiner China-Reise gewählt hat. In einem schwarz-roten Talar mit rosa Kragen, der er für die Entgegennahme eines Ehrendoktors anziehen musste, beginnt Rau seine Rede. Thema: „Das Rechtsstaatsprinzip – Voraussetzung für eine moderne Gesellschaft“. Die politische Zurückhaltung der vergangenen Tage hat er abgelegt. So deutlich wie kaum ein anderer deutscher Politiker vorher kritisiert Rau Menschenrechtsverletzungen und Willkürherrschaft in China. Es ist eine kluge Rede, die ihre Mahnungen in Lob für Chinas Wirtschaftsaufschwung und Zitaten von Konfuzius verpackt. Manche deutsche Unternehmer sind anschließend dennoch sauer. Mit so viel Offenheit könne man die guten Geschäftsbeziehungen zu China verderben, mault einer. Rau stört das nicht. Er habe „die richtigen Worte zur richtigen Zeit“ gesagt, erklärt er später. So wie er es bei seinem Amtsantritt 1999 angekündigt hatte: „Ich will zur Öffentlichkeit verhelfen, was in die gesellschaftliche Debatte gehört.

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