Zeitung Heute : Abschied auf Japanisch

Können tausende Tokioter irren? Auf Tournee werden die Berliner Symphoniker umjubelt, zu Hause kürzt man ihnen die Zukunft

Jörg Königsdorf[Tokio]

Es passiert Andreas Moritz immer an derselben Stelle. Immer dann, wenn er seine Trompete ansetzt und „Nimrod“ vergoldet, die berühmteste „Enigma“-Variation“ von Edward Elgar. Dann liege ein heller Schein in der Luft, „dann ist es fast, als ob die Musik sich ganz von alleine ereignet und wir einfach glücklich sind dabei zu sein“, sagt Herr Moritz. Gerade eben ist dieses Glück wieder aufgeblitzt. 2300 Japaner in der Konzerthalle des Tokio Metropolitan Kulturzentrums, ausverkauftes Haus – weil die Berliner Symphoniker spielen. So viele Menschen passen nicht mal in die Berliner Philharmonie, die Akustik des mit Edelhölzern verkleideten Saals ist ebenfalls luxuriös.

Die Symphoniker sind wieder auf Tournee, seit 40 Jahren bereisen sie die ganze Welt. Heute spielen sie Beethovens Fünfte und die Pastorale, und natürlich die Zugaben, die – von Chefdirigent Lior Shambadal auf japanisch anmoderiert – wieder einen hellen Schein über den Saal legen. Brahms’ ungarische Tänze, vom Publikum verzückt mit halbgeschlossenen Augen aufgesogen, und dann, zum Schluss, der „Nimrod“: Im fast Unhörbaren von den Geigen angesetzt, und dann Takt für Takt bis zum gleißenden Unisono gesteigert – beim Klang dieser Musik wird das eben noch ausgelassene Publikum plötzlich still. 2300 Japaner im Bann des erhabenen Augenblicks.

Eigentlich müssten die Musiker nach so einem Erlebnis auf Wolke sieben schweben, doch schnell holt sie die Realität wieder ein. In vielen Gesichtern spiegelt sich schon auf dem Weg zur Garderobe wieder Unsicherheit, ja Angst, dass sie ihre Instrumente bald endgültig einpacken müssen. Das Orchester hat nur noch wenige Monate zu spielen, und jeder der 52 Symphoniker weiß, dass ihn dann nur noch ein Wunder vor der Arbeitslosigkeit retten kann.

Zwei Mal haben sie so ein Wunder schon erlebt: 1993 und 1998 – da wurde das kleinste der acht Berliner Orchester in letzter Minute vor der Abwicklung gerettet, da hatten sie mit ihrem Kampf Erfolg. Doch diesmal haben sie die Politiker nicht umstimmen können. Im März beschloss das Berliner Abgeordnetenhaus, die Subventionen von knapp 3,3 Millionen Euro jährlich zum Ende dieses Jahres auslaufen zu lassen: Alle Argumente – die Jugendarbeit der Musiker, ihre Schuleinsätze und Familienkonzerte, der Schaden für das Image der Kulturstadt Berlin – haben am Ende nichts mehr genützt. Sogar das Angebot von Musikern der übrigen Orchester – die für den Erhalt der Symphoniker auf tarifliche Leistungen verzichten wollten – blieb wirkungslos. Ebenso die 80000 Unterschriften gegen die Abwicklung. Die letzte Hoffnung, auf gesetzlichem Wege noch etwas zu erreichen – eine Klage auf eine einstweilige Anordnung, die die Beschäftigung der Musiker wenigstens bis zum Saisonende sichern sollte, hat das Gericht vor wenigen Tagen abgeschmettert.

Doch die Symphoniker denken nicht daran aufzugeben. „Der Senat hat noch gar keine Ahnung, was auf ihn zukommt“, erklärt Andreas Moritz, der als Vorstand des Orchesters den Widerstand organisiert. Der Trompeter sitzt bei Bier und Nudelsuppe in einer der zahllosen kleinen Garküchen Tokios. Nicht gerade die fränkische Küche, die er aus seiner Heimat kennt, aber das Bier sei in Ordnung. Besondere Ansprüche hat er ohnehin nicht – als alleinverdienender Familienvater und Musiker in einem kleinen Orchester, das seit Jahren auf das Weihnachtsgeld verzichtet, kann er sich die auch nicht leisten.

Die Hände des kräftigen, blonden Mannes, die eben noch in makelloser Präzision das Instrument gespielt haben, zittern, wenn er von denen spricht, die sein Orchester vernichten wollen: Von Wowereit, der nicht mal ein anerkennendes Wort für ihren Überlebenskampf gefunden habe, von Lothar Bisky und Christina Weiss, die sie mit Worthülsen abgespeist hätten. Gerade gestern hat er einer japanischen Zeitung ein Interview gegeben. „Die glauben noch, dass in Deutschland ein Orchester das Letzte ist, was zugemacht wird.“ Moritz weiß es besser, gleich nach der Entscheidung des Abgeordnetenhauses hat er ein Bürgerbegehren eingeleitet. „Die Sprache des drohenden Machtverlusts“, erklärt er, „ist die einzige, die die Politiker verstehen.“

Tatsächlich wird nirgendwo in Deutschland der Kampf um Arbeitsplätze so hartnäckig ausgefochten wie in der Kultur. Wenn es um ihre Existenz geht, entfalten Orchestermusiker eine Tatkraft, die man sonst nur Kohlekumpeln und Kleinbauern zutraut – zwei Berufsgruppen, mit denen die Musiker nicht nur die Existenz auf Subventionsbasis, sondern auch ein geradezu archaisches Durchdrungensein von der Bedeutung ihrer Arbeit verbindet. Für Musiker wie Moritz ist ihr Beruf Mission. „Wir erfüllen eine heilige Aufgabe“ sagt der 35-Jährige ernst, „man kann nur aufs Podium, wenn man sein Instrument lebt. Und egal, ob es sich um einen Schuleinsatz oder ein Konzert in der Philharmonie handelt, lebt man von der Energie, die durch die Musik entsteht und die das Publikum einem zurückgibt. Natürlich ist uns klar, dass es bei vier Millionen Arbeitslosen irrwitzig ist, über weitere 50 zu lamentieren, aber darum geht es uns auch nicht. Sondern um die Leere, die sich in den Köpfen und Herzen breit macht, wenn Kultur sich nur noch auf Events für Gutverdienende beschränkt.“

Seit 1992 wurden in Deutschland 31 Kulturorchester geschlossen, die Planstellen für Musiker verringerten sich um 15 Prozent. Die Biografien vieler Symphoniker erzählen von diesem Kulturabbau: Moritz verlor seine vorherige Stelle bei einer Orchesterfusion, ein Fagottist ist von der vor zwei Jahren aufgelösten Philharmonia Hungarica aus Nordrhein-Westfalen herübergekommen, und die Flötistin Sonja Meinl erlebte mit vier weiteren Kollegen 1991 die Auflösung des Ostberliner Rundfunkorchesters. Die schlanke Frau mit den rötlich gefärbten Haaren sitzt in der Lobby des prächtigen Hotels, in dem der japanische Tourmanager die Symphoniker untergebracht hat – auch das ein kleines Zeichen der Wertschätzung für die Musiker aus Berlin. Etwas verlegen rutscht sie auf dem unförmigen, viel zu großen Polstersessel herum, als ob ihr in der Umgebung mit den uniformierten Liftboys und den Upper-Class-Japanerinnen in ihren Chanel-Kostümen unwohl ist.

Schon bei der Auflösung ihres alten Orchesters hat die Berlinerin aus Protest in Bonn vor dem Parlament gespielt – umsonst. Ein bitterer Zug setzt sich auf ihrem Gesicht fest, wenn sie an diese Zeit denkt – und daran, dass sich diese Erfahrung jetzt noch einmal wiederholt.

Die Einstellungsvoraussetzungen in deutschen Orchestern sind gnadenlos: Wer älter als 38 ist, hat keine Chance, überhaupt noch zu Probespielen eingeladen zu werden. Weil der Klang eines Sinfonieorchesters das Resultat eines langsamen Entwicklungsprozesses ist, haben auf dem Musikermarkt nur die jungen Kollegen eine Chance, die noch als anpassungsfähig gelten. Das Unterrichten fällt als Alternative weitgehend flach, erst recht in Berlin, wo die Musikschulen ebenso heruntergespart werden wie die Orchester und ohnehin kaum feste Stellen anbieten.

Umso erstaunlicher bei solchen Zukunftsaussichten, dass die Musiker am Ende der Saison noch diese kräftezehrende Japan-Tournee mit 16 Konzerten innerhalb von drei Wochen auf sich nehmen: Die strapaziösen Touren bis in die letzten Winkel Japans, den dauernden Wechsel zwischen gnadenlos herunterklimatisierten Hotelzimmern und dem drückenden Monsunklima des japanischen Hochsommers. Zwar ist die nächste Spielzeit bis zum Juni 2005 längst durchgeplant, aber den Musikern ist klar, dass ohne Subventionen im Dezember Schluss sein wird. Das Tourneegeschäft, seit jeher ein wichtiges Standbein des Orchesters, bröckelt ohnehin: Zwar ist der Name „Berlin Symphony“ nach wie vor ein weltweit wirksames Kapital, aber wer engagiert schon ein Orchester, dass es in einem halben Jahr vielleicht gar nicht mehr gibt?

Morgen Abend, in Yokohama, werden sie wieder Beethovens „Schicksalssinfonie“ spielen, und zwei Stunden lang die Sorgen um das eigene Schicksal in der Garderobe lassen. Und im Jubel des Publikums Kraft für ihren letzten Kampf sammeln. Denn aufgeben, das steht fest, werden die 52 Musiker noch nicht. „Meine Zukunft kann ich mir nur als Symphoniker vorstellen“, sagt Andreas Moritz trotzig und starrt in die Dampfwolken, die aus den großen Töpfen aufsteigen. „Als Trompeter habe ich einen langen Atem.“

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