Zeitung Heute : Abschied ist ein scharfes Schwert

Fischers Rückzug hat die Grünen überrascht. Sie glauben: Einen von dieser Art bekommen sie nicht mehr

Hans Monath

Manchmal ist ausgerechnet die Runde des Kanzlers mit den Ministern der Ort in Berlin, wo von den großen politischen Erschütterungen am wenigsten zu spüren ist. In der Sitzung des Kabinetts in der 6.Etage des Kanzleramtes jedenfalls steht am Mittwochmorgen der angekündigte Rückzug des Vizekanzlers aus der ersten Reihe der Politik nicht auf der Tagesordnung. Ausgerechnet Joschka Fischer fehlt noch, als Gerhard Schröder die Sitzung eröffnet.

Der Außenminister kommt fünf Minuten zu spät, wie häufiger in den sieben Jahren zuvor. Dabei entscheidet die Regierung gerade über die Verlängerung des Afghanistan-Einsatzes. Für die Zustimmung seiner Partei zum Mandat der Bundeswehr hat der Grünen-Vormann im Herbst 2001 seine politische Existenz in die Waagschale werfen müssen. Vier Jahre später bestimmt er selbst über seinen Abschied. Es ist noch keine 24 Stunden her, dass er ihn verkündet hat. An dem ovalen Tisch spricht den Außenminister keiner auf seine Entscheidung an.

Das siegesgewisse Dauerlächeln des Kanzlers scheint in diesen Tagen ohnehin kaum erschütterbar. Dabei nimmt Fischers Rückzug den Sozialdemokraten ein wichtiges Argument in ihrem Anspruch, auch die kommende Regierung zu führen – mit Gerhard Schröder an der Spitze. Wenn die Grünen so leidenschaftslos sind und Fischer nicht mehr dabei sein will, dann brauchen die Sozialdemokraten die Liberalen eigentlich gar nicht erst zum Tanzen zu dritt aufzufordern. Dann bleibt nur die große Koalition für die SPD. Der Vizekanzler nimmt jetzt so wenig Rücksicht auf das Renommee des Kanzlers wie der auf die Grünen nahm, als er gegen den Widerstand Fischers am 22. Mai die rot-grüne Koalition für beendet erklärte und Neuwahlen verlangte.

Spätestens da muss zwischen den beiden Politikern endgültig etwas zerbrochen sein. Vor zwei Jahren hatte sich Fischer innerlich schon von Berlin verabschiedet, wollte nach Europa. Schröder hielt ihn zurück, bewegte ihn zum Versprechen, noch einmal als rot-grünes Erfolgsduo bei der nächsten Wahl anzutreten. Am Sonntagabend in der TV-Elefantenrunde sprach der Kanzler dann im Beisein Fischers ungeniert von dessen „Nachfolger“. Man kann es auch so lesen: Wenn Fischer nun geht, unter Wahrung aller Formalitäten, dann bleibt Schröder mit seinem unerreichbaren Machtanspruch alleine auf der Bühne zurück.

Auch die eigenen Leute schockiert der Außenminister. Am Dienstagnachmittag im so genannten Protokollsaal auf der Präsidialebene des Reichstags ahnen nur wenige Grünen-Abgeordnete, was da gleich auf sie zukommt. Reinhard Loske, der Umweltpolitiker und Fraktionsvize, will vor der Sitzung mit seinem Nachbarn am Tisch an der Stirnseite des Saals noch über das Spiel von Eintracht Frankfurt gegen die Bayern am Abend fachsimpeln. Er wundert sich ein bisschen, warum dem heute so gar nicht zum Flachsen zumute ist. Im Blitzlichtgewitter der Fotografen legt Fischer die Hände wie zum Gebet zusammen, stützt seinen Kopf darauf und schließt einen Moment die Augen. Er will bei sich sein. Ganz bei sich. Er sammelt sich.

Wenige Minuten später weiß Loske, warum der frühere Hobby-Fußballspieler in diesem Moment nicht über taktische Aufstellungen auf dem Fußballplatz reden wollte. Dass in diesem Moment etwas zu Ende geht, dass Fischers Rede im Raum 2M001 einen Wendepunkt markiert, einen historischen Moment in der Geschichte der Grünen und vielleicht auch in der der politischen Linken in Deutschland bedeutet, das aber spüren alle fast körperlich. „Mir war ein bisschen flau im Magen“, wird Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt nachher zugeben.

Ganz wenige haben schon vor dem Wahltag etwas geahnt oder sind gefragt worden, einige andere haben kurz vor der Sitzung davon erfahren. Wenn wir das gewusst hätten, sagt einer der ganz Wichtigen bei den Grünen, dann hätten wir ihn davon abbringen können. Dann hätten sie ihn bekniet und auf ihn eingeredet, dass er noch warten soll.

Aber nach 20 Jahren verplanten Lebens, nach sieben Jahren Dauereinsatz, nach hunderten von Reisen nach Brüssel, Gaza, Teheran oder Washington, einer täglichen Abfolge von Protokollbegegnungen, Parteibesprechungen und Pressekonferenzen will ausgerechnet jener Politiker loslassen, der fast nur von der Macht zu leben schien. Als er schon vor der Wahl seine Entscheidung vorbereitete, konnte Fischer nicht wissen, dass die Grünen im Bundestag nur noch die kleinste Fraktion stellen, in den Debatten weniger lang reden dürfen als die Linkspartei. Vor 20 Jahren habe er mit der Unterschrift unter den Koalitionsvertrag in Hessen seine Freiheit gegen die Macht getauscht, sagt er in der Fraktion. Jetzt tausche er die Macht wieder gegen die Freiheit. Joschka Fischer hat die Welt immer verblüfft, wenn er sich neu erfand. Jetzt staunt das Publikum: Kann es einen Joschka Fischer geben, der kein Machtpolitiker ist?

Aber vielen Grünen scheint der Moment für den Abgang so gar nicht geeignet: Da ist die unklare Lage, die Frage, ob die Grünen nicht doch um des Machterhalts willen nun eine Kanzlerin Angela Merkel und gar einen Vizekanzler Guido Westerwelle ins Amt hieven werden. „Ärgerlich“, sagt Fraktionschefin Sager am Tag danach im Fernsehen, sei der Zeitpunkt des Rückzugs. Andere halten nicht nur den Termin für falsch, reden nicht über 14 Tage oder zwei Monate, die Fischer als Fraktionschef hätte amtieren können. Sie schütteln den Kopf über den Kern der Entscheidung. Und das, obwohl sie unter ihm gelitten und manche Jüngere in vertraulichen Gesprächen geklagt haben, wie unerträglich arrogant und in seinem 68er-Habitus gestrig und überholt „der Joschka“ sei. Aus den Interviews allerdings wurden die Passagen, wonach auch ohne den alten Kämpfer beste Wahlergebnisse für die Grünen drin seien, dann kurz vor der Freigabe herausgestrichen. So viel Mut war dann eben doch nicht.

Jetzt bleibt den Grünen gar keine Alternative mehr zum Mut. Gleich fünf Bewerber um einen der zwei Posten an der Fraktionsspitze, den Fischer freigibt, treten noch in der Sitzung am Dienstag auf. Und doch weiß jede und jeder von ihnen, dass er oder sie weder die Popularität, den Machtinstinkt noch das rhetorische Talent des Alphatiers ersetzen kann. Ganz egal, wie dieser Machtkampf zwischen Renate Künast, Jürgen Trittin, Fritz Kuhn, Katrin Göring-Eckardt und Krista Sager ausgeht: Die Partei ist plötzlich in die Selbstständigkeit entlassen. „Es ist jetzt keiner mehr da, der vor einem steht“, sagt Reinhard Loske.

Fischer dagegen scheint mit sich ganz im Reinen. Am Mittag nach der Kabinettsitzung gibt er ein Interview in einem Lokal am Gendarmenmarkt. Ausgerechnet „Refugium“ heißt es, was für den Zufluchtsort steht, in dem man von niemandem gepeinigt wird. Nicht mit dem „Spiegel“ oder der „Zeit“ redet der Politiker. Die erste Erläuterung gibt er der linksalternativen „Tageszeitung“ („taz“). Das ist weniger eine Rückkehr zu den eigenen Wurzeln als ein politisches Signal: Für seine Partei beansprucht Fischer die Führungsrolle bei der programmatischen Erneuerung der Linken in Deutschland. Die SPD hält er dafür zu träge. Die Nachfolger sollen da weiterarbeiten, die Partei auf dieser Basis sowohl für Wähler aus dem bürgerlichen Milieu wie aus der klassischen Linken weiter öffnen. Für diese Botschaft wählt er sich ein Medium, das nicht dem ihm verhassten neoliberalen Zeitgeist huldigt.

Die Anhänger der Grünen sind verwirrt von den Nachrichten aus Berlin, wie in vielen E-Mails an die Parteizentrale deutlich wird. Bedeutet Fischers Rückzug, dass er nun den Weg frei macht für die Koalition mit Union und FDP, fragen viele. Genau das droht nicht. Wenn die Grünen-Anhänger das wirkliche Risiko sehen würden, müsste die Zahl der E-Mails noch weit höher sein. Denn wahrscheinlich ist die Herausforderung für die Grünen weit größer, als es die für die CDU nach dem Ende der Regierung Kohl war. Die Union hatte in ihrer Geschichte viele Kanzler, die Grünen hatten bislang nur einen Joschka Fischer. Und ob sie noch einmal einen von dieser Art bekommen, kann heute keiner sagen.

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