Zeitung Heute : Abschied ist ein scharfes Schwert!

Von Esther Kogelboom

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Als Kind habe ich jedes Jahr mit der Familie Urlaub in Südtirol gemacht, und ich war immer traurig, wenn die großen Ferien vorbei waren. Am letzten Urlaubstag – das war ein Ritual – habe ich mich von allen und allem verabschiedet: von den Pensionswirten, den Berggipfeln, ja, sogar vom Gemüsebeet hinter dem Haus. „Ich komme ganz gewiss bald wieder“, habe ich geflüstert. Und die Tomatenrispen haben freundlich genickt.

Heute fällt mir Abschied nehmen noch viel schwerer. Ich verlasse mich nicht mehr darauf, dass ich alles in den nächsten großen Ferien unverändert vorfinden werde. „Abschied ist ein scharfes Schwert“, sagt meine Oma immer. Das stimmt. Besonders, wenn man wie ich ein ausgeprägtes Talent zum Dauerabschiednehmen hat. Personen und Dinge, die mir erst einmal sympathisch geworden sind, will ich nie wieder hergeben.

Warum hat noch niemand die Erinnerungs-Laminiermaschine erfunden? Warum sind manche Leute Profis im Blitzadieu, und bei anderen zieht sich die schmerzhafte Prozedur in unerträgliche Längen?

Ich habe in Johannesburg angefangen, indem ich das eiserne Gate zu meinem Wohnkomplex ein paarmal mit der Fernsteuerung auf- und zugemacht habe. Dann war ich im Goethe-Institut, wo ich durch die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ geblättert habe, um wieder ein vorsichtiges Gefühl für Deutschland zu bekommen. Schließlich habe ich unter Tränen meinen klapprigen Golf Chico beim Autovermieter abgegeben. Der Wagen – ohne Klimaanlage, Servolenkung und Alarmsystem – war mir in Johannesburg stets ein treuer Begleiter: Zusammen haben wir stundenlang im Stau gestanden, zusammen sind wir nachts bei Stromausfall mit 120 Stundenkilometern durch die Stadt gerast, weil wir dachten, wir werden verfolgt. Natürlich sind wir mehr als einmal vom rechten Weg abgekommen, haben mehr als eine Radkappe beim Einparken zertrümmert.

Der Flughafen OR Tambo war als Nächstes dran. Dort gibt es das langsamste Internet der Welt, einen Extra-Counter zum Waffen-Einchecken, Tickets zu Destinationen, von denen ich noch nie gehört habe, und die billigsten Billigfluglinien. Wer die britische „Glamour“ sammelt, bitte, hier werden noch Vintage-Ausgaben von September 2006 verkauft. Von OR Tambo habe ich gelernt, auf die Frage: „Sind irgendwelche Wertsachen in Ihrem Koffer?“ niemals zu antworten: „Nee, nur meine 20 Lieblingskleider, Kosmetik internationaler Spitzenfirmen und mein Laptop.“ Ich musste jedenfalls unter den Augen der Weltöffentlichkeit mein Gepäck umschichten. Eine erniedrigende Prozedur.

Kapstadt, der Härtefall. Ich war in Camps Bay und habe jedem Sandkorn einzeln Tschüss gesagt. Ich habe in der Long Street einen Schnaps in meiner Lieblingsbar, dem Waiting Room, getrunken, habe für meinen Mitbewohner zum letzten Mal bei Harry’s Fruit Bazaar gefrorenen Pfirsich-Joghurt eingekauft. (Mein Mitbewohner hat inzwischen auch schon eine neue Mitbewohnerin, die mich um ein Haar mit einem hölzernen Elefanten niedergestreckt hätte, als ich mir auf völlig legalem Wege Einlass verschaffte.)

Was ich nicht vermissen werde: In einem Minibus-Taxi „Put Your Hands Up For Detroit“ hören.

Was ich glühend vermissen werde: die 500 geklauten Euros, mein geklautes Handy – und alles andere.

Unsere Kolumnistin, 31, bekommt laufend gute Ratschläge – und verteilt gern auch welche. Hier überprüft sie jede Woche einen guten Rat auf seinen Wahrheitsgehalt. In den vergangenen Monaten arbeitete sie in Südafrika.

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