Zeitung Heute : Abschied nehmen

Helmut Schümann

Wie ein Vater die Stadt erleben kann

Paul ist jetzt in der Oberstufe. Das ist gut so, besonders für den Vater. In der Oberstufe von Pauls Schule wird nicht mehr zu Elternabenden geladen. Keine Elternabende, das ist eine erhebliche Steigerung der Lebensqualität. Als Paul noch Kind war, musste der Vater zu Elternabenden in den Kindergarten. Dort saß er auf viel zu kleinen Stühlen an viel zu niedrigen Tischen und musste Debatten anhören über Pauls neuen Kran aus Plastik, über Gummibärchen voller Rinderwahn und über das Gewaltpotenzial von Julian, der ein Mädchen in den Sandkasten geschubst hatte. Und einmal hüpfte die Kindergärtnerin durch die Räume und pries singend ihren Gott, derweil Paul und ein Kumpel auf dem Klettergerüst standen und auf die Gottesanbeterin nieder pieselten. Das gab dann einen Sonder-Elternabend.

Später in der Schule erfuhr der Vater auf Elternabenden, was Pubertist Paul nicht erzählt hatte. Das machte Elternabende aber nicht erträglicher. Auch finden Elternabende aus einem unerfindlichen Grund immer mittwochs statt. Statt zu Hause Fußball zu gucken, sitzt der Vater in einer Schulklasse auf unbequemen Stühlen und darf darüber nachdenken, wer denn schon wieder den Hygiene-Behälter auf der Mädchentoilette der Schule geklaut hat. Solche Debatten ziehen sich hin. Bis alle Eltern begriffen haben, dass mit dem Hygiene-Behälter der Mülleimer gemeint ist, ist die zweite Halbzeit schon fast vorbei. Am anderen Morgen sagt Paul dann, dass es ein tolles Fußballspiel gewesen sei, er aber vom Hygiene-Behälter auch nichts weiß.

Der letzte Elternabend. Sonst, wenn Paul Abschied nimmt von den Ritualen der Kindheit und Jugend, wird dem Vater immer ganz wehmütig ums Herz. Diesmal nicht. Aber etwas erfahren, was Paul nicht erzählt hatte, hat er auch diesmal. Dass nämlich die Schule eine Reise wider das Vergessen nach Auschwitz anbietet. Am anderen Morgen hat der Vater Paul gefragt, ob er nicht mitfahren wolle. Aber da hat Paul den Vater nur mitleidig angesehen: „Weißt du, da habe ich mich doch längst angemeldet.“ Paul macht jetzt viel in Eigenverantwortung. Paul braucht wahrscheinlich auch keinen Elternabend mehr.

Gegen das Vergessen: Gedenkstätte Sachsenhausen in Oranienburg, tägl. 10.30 - 18.30 Uhr

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