Zeitung Heute : Abschied und Anfang

Manfred Winterbach hat bisher nur Druckereien eröffnet. Jetzt muss er eine schließen: die GMZ-Druckerei, in der am Sonntag das letzte Mal der Tagesspiegel gedruckt wurde

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Seit gestern abend ist es ruhiger geworden im Hof der Potsdamer Straße 77 – 87. Dort, wo die Rotation bisher werktags um die 175 000 Exemplare, samstags sogar 200 000 Exemplare des Tagesspiegels hergestellt hat, wird im März 2004 der Bau eines modernen Bürogebäudes beginnen. Die Zeitungen werden fortan im Druckhaus Spandau vom Band laufen. Wir fragten Manfred Winterbach, Geschäftsführer der GMZDruckerei und der für das Druckereiwesen zuständige Fachmann im Hause Holtzbrinck, nach den Gründen für den Standortwechsel.

Herr Winterbach, die vorhandenen Anlagen wurden kurz nach der Wende, 1991, in Betrieb genommen. Sind sie denn schon am Ende?

Was die Maschinen an sich betrifft: noch nicht. Aber es gibt eine Vielzahl von Gründen, die Produktion zu verlagern.

Welche sind das?

Fangen wir mit dem Standort an: Die innerstädtische Enge schafft logistische Probleme. Da müssen Rohstoffe wie zum Beispiel 15 000 Tonnen Papier pro Jahr auf Lastwagen angeliefert werden, und zwar durch eine schmale, niedrige Toreinfahrt. Die Straße davor ist stark befahren, das ist für alle Beteiligten einfach unbequem. Hinzu kommt die Lärmbelastung für die Anwohner. Überdies wäre ein Ausbau der bestehenden Druckerei-Anlagen gar nicht möglich gewesen. Das Druckhaus Spandau hingegen liegt nicht nur in einem Gewerbegebiet, es ist auch großzügig gestaltet.

Also reicht die Druckkapazität doch nicht aus?

In der Quantität schon – wenn man nur die Auflagenzahlen zu Grunde legt. Aber es geht vor allem um die Drucktechnik. Boulevardzeitungen haben schon vor Jahrzehnten die Farbe entdeckt. In den vergangenen Jahren hat sich auch in den Qualitätszeitungen dieser Trend zu mehr Farbe in hoher Wiedergabequalität durchgesetzt. Die bestehenden Druckmaschinen sind jedoch nicht in der Lage, jede gewünschte Seite auch farbig zu bedrucken. Hierfür benötigt man jeweils vier Druck- und Farbwerke – drei für die Komplementärfarben Blau (Cyan), Rot (Magenta), Gelb (Yellow) und eines für Schwarz.

Nun müssen doch nicht alle Bilder bunt sein?

Auch, wie sich eine Zeitung präsentiert, ist wichtig. Außerdem finanziert sie sich zu einem beträchtlichen Teil über Inserate – und die Anzeigenkunden wünschen ebenfalls mehr Farbe. Diese Anforderungen werden wir jetzt ohne Einschränkungen erfüllen können.

Es gibt auch wirtschaftliche Gründe?

Natürlich. Wenn man die Wahl hat zwischen einem eigenen Neubau sozusagen auf der grünen Wiese oder der Möglichkeit, diese Dienstleistung andernorts zu kaufen, wo die Infrastruktur schon darauf eingerichtet ist, muss man genau nachrechnen. Gerade in diesen Zeiten, in de nen die Realität etwas anders aussieht als die Vorstellungen, die noch vor drei Jahren herrschten. Wir haben das alles sehr genau geprüft und sind nach allerlei Abwägungen und Alternativen zu keinem anderen Ergebnis gekommen.

In Spandau wurden für die Produktion von Tagesspiegel und „Handelsblatt“ zwei neue Druckmaschinen installiert. Welche Vorteile ergeben sich aus der modernen Technik? Sind die neuen Rotationsanlagen schneller?

Nicht erheblich. Die bisherigen Maschinen stellten so um die 30 000 Exemplare pro Stunde her und die neuen werden im Normalfall nur unwesentlich schneller gefahren. Der Vorteil der modernen Technik liegt in der Zuverlässigkeit, in der Präzision und in einem geringeren Personalbedarf. Bedenken Sie: Während die Papierbahn mit einem Tempo von etwa 40 Kilometern pro Stunde durch die Druckwerke saust, müssen die abgesetzten Farbpunkte mit einer Genauigkeit von einem Hundertstel Millimeter sitzen. Aber auch das schaffen beide Anlagen, wobei die Elektronik den Passer und die Farbe so exakt steuert, dass sie den Moment, da alles gut aufeinander abgestimmt ist, schneller erreichen.

Wird der Leser einen Qualitätssprung merken?

Wohl eher nicht. Das Offset-Druckverfahren ist seit mehr als 25 Jahren eingeführt, es arbeitet stabil in verlässlicher Qualität. Inzwischen sind auch alle Produktionsmittel in der Herstellungskette genormt – von der Farbe bis zum Papier. Zuvor freilich, in den Anfangsjahren des Rollenoffsets, war das durchaus ein Problem.

Sie haben diese Drucktechnik Anfang der 70er Jahre bei Springer mit entwickelt. Eine Weltpremiere?

Ja, es begann im Hause Axel Springer in Hamburg. 1973 wurde das Druckhaus in Kettwig bei Essen in Betrieb genommen. Die Offset-Technik selbst stammt ja aus dem frühen 20. Jahrhundert, sie eignete sich jedoch nur für Bogendruck, nicht fürs Bedrucken von Endlos-Papier. Als wir darangingen, das Verfahren für die Rotation im Zeitungsdruck nutzbar zu machen, betraten wir Neuland. Alles drehte sich um die Frage: Wie können wir die Wünsche der Kunden nach mehr Farbe im Blatt erfüllen? Diese Aufgabe ist heute gelöst. Die Offset-Rotation ist jetzt Stand der Technik, da geht es stärker um die Kosten.

Und bis dahin?

Bei den meisten Tageszeitungen herrschte bis weit in die 80er Jahre das Hochdruck-Verfahren vor. Das eignete sich nicht für die Wiedergabe hoch komplexer Vorlagen wie zum Beispiel Farbfotos. Möglich waren damit allenfalls Schmucklinien in einer Farbe. Und man darf nicht vergessen, dass die Rotationen damals gar nicht so viele Druckzylinder hatten, sie wären auch von daher gar nicht auf Vierfarbdruck eingerichtet gewesen.

Und wie kamen Farbanzeigen ins Blatt?

Ach, herrje, was waren da für Klimmzüge nötig. In den 50er und 60er Jahren druckte man die Farbanzeigen zunächst im Tiefdruck vor, anschließend kam der Hochdruck fürs Schwarz hinzu. Schon wegen der dafür nötigen Zeit war das Verfahren völlig unberechenbar. Zeitschriften hoher Auflage sind immer noch eine Domäne des Tiefdrucks, aber auch hier wird schon viel mit Offset gemacht. Sie erklären die einzelnen Drucktechniken in dieser Beilage doch noch genauer?

Na sicher. Aber es gibt in der Druckvorstufe doch Unterschiede zwischen der alten und der neuen Anlage?

Sie meinen die Druckplatten. Sie werden an der Potsdamer Straße noch mit Hilfe eines Films belichtet, in Spandau brennt der Laserstrahl direkt auf die Platte – „Computer to Plate (CTP)“, wie das neudeutsch heißt. Na ja, über die Vorteile streiten sich die Fachleute noch. Beim guten alten Film kann man Fehler zu einem frühen Zeitpunkt entdecken, außerdem lassen sich Kleinigkeiten retuschieren. Beim CTP hingegen werden Fehlbelichtungen wegen der Kosten ärgerlich. Hinzu kommt, dass die CTP-Platten an sich schon rund zwei Euro teurer sind als die herkömmlichen. Bei einem Verbrauch von etwa 160 000 Stück pro Jahr – wie etwa beim Tagesspiegel – ist das schon ein Faktor.

Was ist von den anderen Techniken zu halten, die gerade in der Entwicklung sind? Werden sie uns bessere Qualität liefern?

Nein, was heute in neue Verfahren investiert wird, dient ausschließlich der Effizienz der Abläufe. Ein Verfahren wie „Computer to Press“, das gerade in der Schweiz entwickelt wird, ist wahrscheinlich erst in fünf Jahren einsatzbereit. Hierbei wird eine spezielle Schicht direkt auf der Druckwalze an der Maschine beschrieben.

Sie sind 1937 in Menden (Sauerland) geboren und erlernten den Beruf von der Pike auf?

Noch etwas pikiger, wenn Sie so wollen: Mein Vater besaß einen Buchverlag, dort habe ich volontiert und gear beitet. Danach ging ich nach Wien, studierte Druck- und Reprotechnik, machte meinen Diplomingenieur und arbeitete in einer Düsseldorfer Akzidenzdruckerei. Anfang der 60er Jahre wechselte ich zu Springer, in den Stab von Walter Matuschke – zu dem selbst in den USA bekannten Fachmann für Drucktechnik. Das war ein großes Glück für mich. Das zweite Glück für mich war, dass 1963/64 die Aufgabenstellung ganz anders war als heute. Wir mussten uns als Ingenieure fragen, wie bekommen wir das produziert, was der Markt will? Heute kämpfen die jüngeren Kollegen an der gleichen Stelle überwiegend um Wirtschaftlichkeit. Bei uns stand damals die Entwicklung moderner Technik im Vordergrund, nicht die Wirtschaftlichkeit.

Und wie ging es dann weiter?

Von 1973 bis 1983 leitete ich das Druckhaus Kettwig, anschließend war ich weitere zehn Jahre beim Süddeutschen Verlag Geschäftsführer der Druckerei Steinhausen bei München. Vor zehn Jahren wechselte ich zum Holtzbrinck-Konzern. Hier war ich Geschäftsführer der GMZ-Druckerei in Berlin und etwas später auch Geschäftsführer bei der Mainpost in Würzburg.

Und jetzt schließt die GMZ-Druckerei.

Ja, das ist schon bitter. Bisher habe ich nur Druckereien eröffnet, aber jetzt musste ich eine schließen. Das ist nicht einfach. Aber es gab keine Alternative. Die meisten Drucker werden nach Spandau wechseln und dort auch den Tagesspiegel weiterdrucken.

Und was machen Sie jetzt?

Ich bin kein Mann für den Ruhestand. Daher werde ich auch weiter für die Holtzbrinck-Gruppe für spezielle Aufgaben zur Verfügung stehen.

Das Gespräch führten Gideon Heimann und Rolf Brockschmidt.

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