Zeitung Heute : Abschied vom Rasen

Eine Kampagne gegen die „Geschwindigkeitsrauschgiftsüchtigen“

Klaus Kurpjuweit

Ende 1955 reichte es dem Tagesspiegel. Berlin habe eine Scharte auszuwetzen, schrieb er am 27. November. So gut der politische Ruf der Stadt sei, so schlechte Noten bekämen die Berliner als Verkehrsteilnehmer. Obwohl der Straßenverkehr noch weit schwächer und das Straßennetz viel geräumiger seien als in vergleichbaren Städten des Westens, lägen die Unfallzahlen höher. Ursache war meist eine überhöhte Geschwindigkeit. Denn auf den Straßen durfte nach Lust und Laune gerast werden. Eine vorgeschriebene Höchstgeschwindigkeit gab es nicht.

Das heißt, es gab sie nicht mehr. Zum 1. Januar 1953 war sie bundesweit aufgehoben worden. Denn dummerweise war sie im Oktober 1939 von den Nationalsozialisten erlassen worden, die im Krieg den Spritverbrauch drosseln wollten. Zuvor hatten sie 1934 alle Geschwindigkeitsregelungen gestrichen.

Anfang der 50er Jahre wollte man jedenfalls so ziemlich alles entrümpeln, was mit der Nazi- Herrschaft zu tun hatte. Zumindest dasjenige, das den freien Willen bremste. Wie die allgemeine Regelung der Höchstgeschwindigkeit.

Doch der mündige Bürger legte die neue Freiheit auf den Straßen zu großzügig aus. Die Unfallzahlen schnellten in die Höhe. Besonders schlimm war es im Oktober 1955. Mit Unterstützung der Zeitungen wurde deshalb in Berlin das öffentliche Gewissen aufgerüttelt, schrieb der Tagesspiegel.

Und er beließ es nicht dabei. Mit Bürgersinn sollte dem Gesetzgeber aus der Klemme geholfen werden. Denn „bis die Geschwindigkeitsbeschränkung in Paragraphen festliegt, werden noch viele Reifen die Karl-Marx-Straße hinunterrollen“, schrieb der Tagesspiegel in seinem Aufruf auf der Dritten Seite. Unter dem Stichwort „60 km sind genug“ machte er sich „zum Sprecher der Mehrheit der Bevölkerung, die nun, wie die Fachleute schon längst, für eine allgemeine Geschwindigkeitsbeschränkung“ eintrete.

„Auch ich kann über 60 km fahren“ hieß das Motto der schwarz-rot-gelben Plaketten, die der Tagesspiegel nun verteilte. Angebracht am Rückfenster, sollten sie das Abzeichen aller Kraftfahrer sein, „die zwar über 60 km pro Stunde fahren können, aber nicht mehr wollen“. Je mehr Autofahrer sich selbst eine Geschwindigkeitsbeschränkung auferlegten, desto leichter werde man „die Geschwindigkeitsrauschgiftsüchtigen erkennen und isolieren“, hoffte der Tagesspiegel.

Es war nicht die erste Kampagne dieser Art. Schon 1952 hatte der Tagesspiegel Plaketten an die „Meister vom Steuer“ verliehen, die für „besonders rücksichtsvolles und höfliches Verhalten“ ausgezeichnet wurden.

Diesmal waren bereits nach wenigen Tagen 32000 der 60-km-Plaketten verteilt. Firmen, die sich an der Aktion beteiligten, wurden im Tagesspiegel veröffentlicht. Die Plaketten wurden zudem so verfeinert, dass sie vor dem Ankleben lediglich durch Wasser gezogen werden mussten. Die politische Einsicht aber ließ noch etwas auf sich warten. Erst zum 1. September 1957 wurde die Höchstgeschwindigkeit wieder vorgeschrieben – und zwar mit 50 km/h.

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