Zeitung Heute : "Abschied vom Spiegelbild": Hand in Hand

Cornelia Staudacher

Das Motto liefert das Alte Testament: "Also blieb Jakob allein. Da rang ein Mann mit ihm, bis die Morgenröte anbrach" (1. Mose, 32,24). Wenig später heißt es von Jakob in der Bibel: "Ich habe Gott von Angesicht zu Angesicht geschaut und bin am Leben geblieben" (1. Mose, 32,30). Es ist diese Wegstrecke, die Wilfried Ohms Erzählung durchmisst. So wie Jakob in der Wüste Gott begegnet und dennoch am Leben zu bleibt, so begibt sich der Ich-Erzähler noch einmal in die totale Zwei-Einsamkeit mit seinem Zwillingsbruder, als er erfährt, dass dieser sich erhängt hat.

Er ringt mit seinem Gewissen und dem Gefühl, am Freitod seines Bruders mitschuldig zu sein. So eng fühlt er sich ihm verbunden, dass er sich sein eigenes Leben ohne das des Bruders nicht denken kann.. Der Blick in den Spiegel erschreckt ihn ebenso wie das Echo seiner Stimme in der Telefonleitung: "Eine Stimme, ein Tonfall und zwei Körper. Der eine lebt, der andere ist tot."

Die kurze Erzählung ist ein Memorial für den toten Bruder. In der Erinnerung lässt der Erzähler die gemeinsame Kindheit aufleben. Das "Zu-zweit-Sein" war einer ihrer frühesten Eindrücke. Selten wurden sie mit ihrem Namen, meist nur als "die Zwillinge" angesprochen und von den Mitschülern ihrer "Zweiheit" wegen beneidet und gefürchtet. Die Atmosphäre im Elternhaus war streng und kalt - ein autoritärer Vater, eine stets leidende Mutter. Demütigungen und Kränkungen schweißten die Brüder umso enger zusammen. Es war der Bruder des Erzählers, der als erster ausscherte, seine Reise nach England, sein Wunsch, Geige spielen zu lernen. Die Sehnsucht nach Eigenständigkeit und die Angst vor dem Verlust des andern gingen Hand in Hand.

Das spätere Leben des Bruders besteht aus persönlichen Enttäuschungen und beruflichen Desastern. Er heiratet dreimal, arbeitet in wechselnden Berufen, erleidet eine geschäftliche Niederlage nach der anderen und verschuldet sich. Sein letzter Versuch, in Afrika eine neue Existenz aufzubauen, scheitert nach kurzer Zeit.

In kurzen Hauptsätzen und mit harten Schnitten reiht der Ich-Erzähler die Daten aus der Vita des Bruders aneinander. Der Text pulsiert in kühler Strenge und Sparsamkeit. Auf Adjektive wird verzichtet.

Die Erzählung ist nicht nur ein Memorial, sondern auch eine Studie über das Verhältnis von Nähe und Distanz, Abhängigkeit und Abgrenzung. "Erst nach seinem Tod scheine ich ihn wirklich wahrzunehmen. Solange er lebte, verhinderte wahrscheinlich unsere Ähnlichkeit jene Distanz, die richtige Wahrnehmung ermöglicht", heißt es einmal. Die disziplinierte Sprechhaltung hilft dem Erzähler-Ich, die notwendige Distanz herzustellen, um sich ein Leben ohne den Bruder vorstellen zu können. Erst jetzt kann er sein Spiegelbild erblicken, ohne zu erschrecken.

Nur einmal scheint er für einen kurzen Augenblick die Contenance zu verlieren. Eine Szene, so kurz und kalkuliert wie symbolisch in ihrer Bedeutung: als seine kleine Tochter auftaucht, die sich im Spiel eine rote Kordel um den Hals gewickelt hat. Entsetzt reißt er ihr die Schlinge vom Hals.

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