Zeitung Heute : Abschied von alten Denkschablonen

Ohne eine Beachtung der ostmitteleuropäischen Interessen wird Deutschlands „Rückkehr auf die Weltbühne“ scheitern

Adam Krzeminski

Es stimmt nicht ganz, was manche namhafte deutsche Zeithistoriker derzeit entdecken, dass nämlich Deutschland nach 1990 wieder ein Mittelpunkt Europas geworden sei. „Deutschlands Rückkehr auf die Weltbühne“, „der deutsche Weg“, das alles klingt zwar ein wenig nach einem „Ende der Bescheidenheit“ oder einer „selbstbewussten Nation“, die an der Haltestelle der 1990 wieder erlangten Souveränität aus dem europäischen D-Zug in einen Global-Express umgestiegen ist. Doch in Wirklichkeit sind all diese Begriffe nicht mehr ganz von dieser Welt. Man muss nicht unbedingt der rot-grünen Regierung einen neuen Wilhelminismus unterstellen, wie man es 1999 anlässlich der „Remilitarisierung der Außenpolitik“ und dann 2001 während der „Schlossdebatte“ gelegentlich hörte. Einen unbewussten Rückgriff auf die alten Denkmuster des 19. Jahrhunderts kann man jedoch immer wieder auch bei besten Köpfen feststellen. Da bewegt man sich in einer Welt, in der Deutschland als Spielmacher in Europa mit anderen Großmächten auf einer Augenhöhe über die Weltgeschicke verhandelt und – zusammen mit Frankreich – Amerika Paroli bietet.

Für einige strategisch denkende Essayisten in Deutschland scheint der faktische Quantensprung der europäischen Geschichte, der mit der Ankunft der ostmitteleuropäischen Nationen in die EU erfolgt, immer noch jenseits der realen Wahrnehmung zu liegen. Es ist schon erstaunlich, wie flüchtig zum Beispiel Gregor Schöllgen in seinem Buch „Der Auftritt“ die EU-Osterweiterung mitreflektiert. Wieder einmal das alte Denkmuster: Der gute Zar in Moskau hat es möglich gemacht, dass in Ostmitteleuropa eine Revolution ausbrach, die Deutschland die Vereinigung brachte. Dieses große Deutschland sei zwar in Europa eingebunden und habe sich einige Jahre lang zurückgehalten, sich schließlich aber entschieden, so dass Deutschland – nicht Europa! – zur „Gegenmacht Amerikas wurde“. Das ist reines 19. Jahrhundert, in dem nur Großmächte zählten, Imperien auf- und abstiegen und die kleinen Staaten sich bis zu ihrem Verschwinden ducken mussten. Das klingt so, als prägten C. J. Burckhardt oder Max Weber weiterhin das Europaverständnis.

Seitdem sind allerdings 100 Jahre vergangen, die politische Geografie und die Staatenstruktur Europas sind heute eine andere, die EU entwickelt sich allmählich zu einem Subjekt des internationalen Rechts, oder zumindest der globalen Finanzordnung, und den Ostmitteleuropäern wird eingetrichtert, dass sie ihre Nationalismen beilegen und sich im Verzicht auf weite Teile ihrer nationalen Souveränität üben sollten. Zugleich aber wird gerade in Deutschland intellektuell eine „Renationalisierung“ der globalen Interessen gepredigt und gefeiert. Und die Entdeckung der neuen nationalen „Seele“ geht mit der Feststellung einer neuen Hackordnung einher, die nicht ganz so neu ist. Da zählen zuerst die Großen: also Amerika, China, manchmal noch aus alter Gewohnheit Russland und natürlich Frankreich als Füllmasse der „europäischen“ Ambitionen Deutschlands. Das Kroppzeug dagegen wird ausgeblendet. Es ist schon ein Kunststück, ein Buch über Deutschlands Rückkehr „auf die Weltbühne“ zu schreiben, ohne die ostmitteleuropäische Tangente der deutschen Politik überhaupt zu reflektieren. Polen, Tschechien, Ungarn, das ganze „Zwischeneuropa“, das sich zwischen Deutschland und Russland (beziehungsweise der Türkei) erstreckt und demnächst ein Mitspieler in der EU sein wird, wird nur als ein Ableger der amerikanischen Politik in Europa wahrgenommen, die transatlantische Allianz dagegen so gut wie gekündigt.

Kein Wort etwa darüber, was aus der „deutschen Anwaltschaft“ für die polnischen NATO- und EU-Bemühungen geworden ist und worin die Substanz der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Bindungen mit Ostmitteleuropa am Anfang des 21. Jahrhunderts besteht: Handelt es sich dabei nur um eine Neuauflage des klassischen Klientelismus – und ist deswegen „auf der Weltbühne“ nicht erwähnenswert – oder um eine völlig neue Qualität, eine gleichwertige Partnerschaft mit ungleichen, weil schwächeren, ärmeren und noch recht rückständigen Nachbarn? Dabei ist Deutschland gerade an der Unfähigkeit, mit diesen kleineren Nachbarn, Partnern und Kontrahenten gedeihlich auszukommen, im letzten Jahrhundert mehrmals gescheitert.

Es bedarf auch einer ständigen bewussten Umkehrung der alten Paradigmen der Ignoranz und des Überspringens jener Länder im „großpolitischen“ deutschen Kalkül, denn so schwach und verkannt, so rückständig und „konturlos“ sie dem deutschen Unterbewusstsein weiterhin erscheinen mögen, sind sie inzwischen auf der europäischen Bühne angekommen und probieren – wenn auch bisweilen recht tapsig, wie beim „Brief der Acht“ – ihre gebündelte politische Durchsetzungskraft aus.

Es wird in Wahrheit keine erfolgreiche Rückkehr Deutschlands auf die Weltbühne geben, wenn Deutschland in Europa nicht die – zugegeben schwierige – Balance zwischen seinem bevorzugten, weil vergleichbar starken und vertrauten Nachbarn im Westen, also Frankreich, und dem um ein Vielfaches schwächeren, manchmal sprunghaften, aber auf jeden Fall aufstrebenden Polen findet. Das ist auch nach wie vor der Sinn des so genannten „Weimarer Dreiecks“ für die nächsten Jahre – nicht mehr die Heranführung Polens an die EU, sondern die Einübung jener Balance, auch bei konträren Interessenlagen, gegenseitigen Kränkungen, Missverständnissen und unterschiedlichen Größenordnungen.

Genauso wie die Beziehung zu Deutschland letztendlich für Polen ein Prüfstein der endgültigen Akkommodierung in der EU ist, so ist auch Polen ein Prüfstein der deutschen Fähigkeit, ein glaubwürdiger Schrittmacher der EU zu sein. So hatte auch die heftige Debatte dieses Sommers um ein Berliner Zentrum gegen Vertreibungen zwei Ebenen. Bei der einen ging es um den Ort und die Trägerschaft des Bundes der Vertriebenen. Die zweite, der eigentliche Grund des Streits, war die Unkenntnis der deutsch-polnischen Geschichte in Deutschland und die daraus resultierende Schieflage im deutschen Geschichtsbewusstsein und in der Konsequenz auch der aktuellen politischen Mentalität. Es ist keineswegs nur ein Zeichen eines neurotischen Komplexes, wenn man in Polen auf jegliches Übergehen des „polnischen Aspekts“ in der deutschen Zeitgeschichte überempfindlich reagiert, sondern auch ein berechtigtes Pochen darauf, dass die Scharten des seit dem 19. Jahrhundert tradierten politischen Denkens über Polen endlich aus dem deutschen Bewusstsein ausgewetzt werden.

Die reale Zusammenarbeit ist das Eine. Etwas anderes ist die Einbeziehung Ostmitteleuropas sowohl in das alltägliche Denken der Berliner Republik als auch in ihre strategischen Überlegungen. Die Fokussierung des Umbruchs im Jahr 1989 und der Vereinigung Deutschlands am 3. Oktober 1990 ausschließlich auf die Rolle Moskaus erscheint manchmal im deutschen Denken wie ein Pawlowscher Reflex aus dem 19. Jahrhundert. Schließlich war Gorbatschow nur eine Antwort auf die ostmitteleuropäischen Revolten gegen die sowjetische Herrschaft und die Krise im eigenen Land.

Und die samtene Revolution des Jahres 1989 hat – man braucht nur bei François Furet nachzuschlagen – auch den Mythos der Französischen Revolution 1789 weitgehend außer Kraft gesetzt. Damit ist auch der moralische und politische Führungsanspruch Frankreichs in Europa nicht mehr unbestritten. Ohne einen endgültigen Paradigmenwechsel im politischen Bewusstsein in Frankreich wie in Deutschland, das heißt ohne einen irreversiblen Bruch mit den Denkschablonen des 19. und des 20. Jahrhunderts, wird die „Rückkehr auf die Weltbühne“ an der Wirklichkeit vorbei und damit zu Dissonanzen, deren Zeugen die Europäer immer wieder sind, führen.

Der Autor ist Kommentator der Zeitung „Politycka“ in Warschau.

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