Zeitung Heute : Abschied von der Ich-AG

Wer sich selbstständig machen will, sollte durchstarten: Am 30. Juni läuft das Förderinstrument aus

Dorothee Schmidt

Selber Hosen, Röcke und Kleider zu entwerfen und im eigenen Laden zu verkaufen, das war schon immer Friederike Lorenz’s Traum. Mit Starfly, ihrem eigenen Modelabel, hat sie ihn erfüllt. Der kleine Laden im Prenzlauer Berg in der Nähe des Helmholtzplatzes ist eine Ich-AG. Vorne verkauft die 30-Jährige ihre Kollektion, hinten in der Schneiderwerkstatt wird genäht und entworfen.

Friederike Lorenz ist einer von etwa 400 000 Menschen, die seit Beginn des Förderprogramms vor dreieinhalb Jahren eine Ich-AG gegründet haben. In diesen Wochen können die letzten Anträge für den Existenzgründungszuschuss der Bundesagentur für Arbeit, wie die Förderung offiziell heißt, gestellt werden. Das Programm läuft am 30. Juni aus. Wer aus der Arbeitslosigkeit heraus noch mit staatlicher Unterstützung seine eigene Firma gründen will, sollte sich also beeilen.

Jeder, der Anspruch auf Arbeitslosengeld hat oder in einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme gefördert wird, kann die steuerfreie Unterstützung beantragen. Die Bundesagentur fördert den Weg in die Selbstständigkeit im ersten Jahr mit 600 Euro monatlich. Im zweiten Jahr sind es 360 Euro und 240 Euro im dritten Jahr. Wer zu erfolgreich ist – im ersten oder zweiten Jahr mehr als 25 000 Euro Gewinn macht – muss auf die Förderung im Folgejahr verzichten. Der Zuschuss wird unabhängig vom bisherigen Einkommen ausgezahlt.

Für den Lebensunterhalt sollten Gründer die Unterstützung aber nicht einplanen. „Von der Ich-AG müssen Rente und Krankenversicherung aufgebracht werden, da bleibt nicht viel übrig“, sagt Gabriele Albuschewski von der Existenzgründungsberatung Lokamotion in Neukölln. Im zweiten Jahr der Ich-AG sind die Beiträge für die Sozialversicherung fast so hoch wie die Förderung. Dann müssen die Neuunternehmer Profit machen – oder auf finanzielle Polster zurückgreifen. Modedesignerin Friederike Lorenz ist von ihrer Mutter unterstützt worden. Ein Jahr hat es gedauert, bis sie Schnitte und Größen entwickelt hatte und ihr „Warenlager“ gefüllt war. Erst dann begann der Verkauf.

Kleintiere per Taxi zum Tierarzt fahren, Kriminalromane schreiben, in denen die Auftraggeber als Hauptfiguren in Aktion treten oder Ordnung in die Kleiderschränke anderer Leute bringen – die Fantasie von Existenzgründern scheint grenzenlos. Doch nur wer schon länger mit einer bestimmten Idee liebäugelt, sollte jetzt noch versuchen, von dem Gründungszuschuss zu profitieren. Denn das Vorhaben muss gut durchdacht sein. „Die Existenzgründung ist kein Spaziergang“, sagt Gabriele Albuschewski.

Kein Garant für den Erfolg, aber dessen Kern, sei ein gut durchdachter Businessplan, sagt Marlies Moelders, die in Pankow Existenzgründer berät. Er muss von einer fachkundigen Stelle für tragfähig befunden werden, bevor die Zuschüsse bewilligt werden. Diese Prüfung übernehmen Industrie- und Handelskammern, Handwerkskammern, Fachverbände und Steuerberater, Kreditinstitute und Existenzgründungsinitiativen. „Der Businessplan hat mich geerdet“, sagt Friederike Lorenz. „Es ist gut, einmal alles durchzurechnen, auch Versicherungen und Ämter zu bedenken.“ Sie hat sich von Existenzgründungsberaterin Marlies Moelders helfen lassen. Auch das Quartiersmanagement im Helmholtzkiez förderte ihre Idee und half, ein Ladenlokal zu finden.

Eine intensive Beratung und geschäftliche Beziehungen erleichtern den Start in die Selbstständigkeit. Friederike Lorenz ist es gelungen, ein kreatives Netzwerk aufzubauen. Bei Starfly arbeitet sie mit einer Kollegin zusammen, eine Modestudentin liefert Accessoires für den Laden und eine Frau aus dem Haus bietet dort Kirschkernkissen mit lustigen Aufschriften an. „Wenn es so weiterläuft, habe ich eine Perspektive ohne fremde Hilfe“, sagt die Designerin.

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