Zeitung Heute : Abschied von gestern

Die alte Welt der SPD verschwindet. Nirgendwo merkt man das so wie im Ruhrgebiet. Was wählen sie also in einer Stadt wie Bochum?

Moritz Schuller[Bochum]

Heide Simonis und Ottilie Scholz sind durch die Bochumer Innenstadt gebummelt, im Hutladen waren sie, im Kaffeegeschäft und bei „Ebel“, dem Damen-Oberbekleidungsgeschäft in der Huestraße. Nun sitzen sie im Café. „Ich bin ja großherzig, aber 1500 Euro für einmal tragen, das sehe ich nicht ein, das kann ich nicht.“ Simonis erklärt der Genossin, warum sie inzwischen in Secondhandläden einkauft. „Und zweimal tragen darf man nicht?“, fragt Scholz. Es ist ihr erster Wahlkampf.

Dr. Ottilie Scholz ist seit fünf Jahren Finanzdezernentin in Bochum, eine aus dem Bauch der Verwaltung, nicht der Partei. Jetzt will sie dem abtretenden Oberbürgermeister der SPD nachfolgen. Über Sozialreformen zu sprechen fällt ihr leichter, als mit Ministerpräsidentin Simonis über den Kleiderbedarf einer Politikerin zu reden. Und so sagt sie über Hartz IV: „Solche Entscheidungen müssen getroffen werden, und dass die Leute in der Regel denjenigen bewerten, der dafür verantwortlich ist, liegt in der Natur der Sache. Damit muss man leben.“

Morgen wird in Bochum gewählt, vor fünf Jahren, bei der letzten Kommunalwahl, hatte die SPD die Stadt noch gehalten, nur mit Hilfe der Grünen. Der Rest brach ein, spektakulär verlor die Partei die Macht über ihr Stammland, in Essen und Gelsenkirchen, in Hagen und Hamm wurden SPD-Bürgermeister aus den Rathäusern vertrieben. Nicht, weil sie unfähig waren, das hatte in den Jahrzehnten davor auch keine entscheidende Rolle gespielt, sondern wegen des jämmerlichen Antritts von Schröder, vielleicht auch wegen des Bundeswehreinsatzes im Kosovo. Und weil das alte Ruhrgebiet, das schon lange aufgehört hatte zu existieren, schließlich der SPD die Treue versagte.

Zechen gibt es in Bochum seit 1972 nicht mehr, nur Opel ist übrig geblieben, und auch dort drohen die Arbeitgeber gerade mit Abzug. Gekommen sind die „Ruhr-Universität Bochum“, die erste Unineugründung in der Bundesrepublik nach dem Krieg, und gerade genug Ein-Euro-Läden, dass über der Innenstadt etwas Billiges liegt. Parken und shoppen, drei Kinos, ein berühmtes Theater, der Rest ist Einkaufen. Keine schöne Stadt, schöner vielleicht als Wattenscheid, aber eine, in der die Menschen bleiben.

Wer früher bei Opel oder Hösch oder bei Hansa in Dortmund eine Lehre machte, der war in der Gewerkschaft und dann auch in der Partei. In der SPD. Und fuhr einer mal besoffen den Schwenkarm in den Hochofen, dann hat ein anderer die Schuld auf sich genommen. „Damit der nicht seinen Arbeitsplatz verliert. Und der Vorarbeiter und die Meister haben darauf geachtet, dass der die Pulle stehen lässt.“ Johannes Scholz-Wittek war dabei. Das ist vorüber. Doch die Menschen von damals sind noch immer da.

Scholz-Wittek, 51, sitzt in seinem Büro in Wattenscheid. Der gelernte Elektromechaniker ist Geschäftsführer der „Falken“, ein Linker, in die SPD ist er vor über 30 Jahren eingetreten, weil sie einst gegen das Ermächtigungsgesetz gestimmt hatte. Als Jugendlicher wollte er wegen der deutschen Vergangenheit sogar nach Holland auswandern. Klein, rundes Gesicht, Nickelbrille, vielleicht muss man ein bisschen aussehen wie Norbert Blüm, wenn man so redet wie er. Konsensgesellschaft, soziale Kontrolle, Solidarität. „Wenn man die Leute versucht hätte mitzunehmen, mir kann man nicht sagen, dass das nicht machbar wäre“, sagt er.

Bauchschmerzen mit der Partei hatte Scholz-Wittek immer mal wieder, auch einiges an Hartz versucht er gar nicht erst gegenüber dem Wähler zu verteidigen. „Aber jetzt hinzugehen und zu sagen: Das ist nicht mehr meine Partei, das kann ich nicht, will ich auch gar nicht. Das wäre ja Opportunismus.“

Nicht jeder in Bochum sieht das so. Ein groß gewachsener älterer Mann steht im Nieselregen auf dem Husemannplatz und blickt zufrieden auf die Demonstranten. Hartz natürlich. Die DKP ist gekommen, die Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands ruft zum Sternmarsch nach Berlin auf. Am Rand steht der Rentner, braune Schottenhose, rotbraunes Lederjacket, Krawatte aus Wildseide, an der linken Hand ein dicker Bernsteinring, in der rechten die Hand seiner Frau. „Man muss doch erst mal Arbeitsplätze schaffen, dann kann man HartzIV machen“, sagt er. Sein Leben lang war er Schweißer, Atomkraftwerke hat er mitgebaut, da muss er lächeln, wenn er das zugibt, und immer hat er SPD gewählt. Dann haben sie seinen Laden in den Osten umgesetzt, er ging früh in Rente. Eine gute Rente, übrigens, seine Frau hat auch eine. 2002 hat er nochmal die Sozialdemokraten gewählt, ungern, weil Schröder kein ehrlicher Mensch sei, morgen wird er PDS wählen. Clement, sagt er, wisse doch ohnehin nicht, was er tut, und solange „der Schröder dran ist, wähle ich die überhaupt nicht mehr“.

Ein anderer mischt sich ein, arbeitslos ist er, zum ersten Mal in seinem Leben, und nun bestrafen sie ihn für etwas, das er gar nicht beeinflussen kann. „Aber wenn in Afrika ein paar Antilopen umgesiedelt werden, dafür hat Deutschland Geld.“ Schließlich zieht der Demonstrationszug zur SPD-Zentrale. Der alte Schweißer und seine Frau gehen zum Bus, in die entgegengesetzte Richtung.

Die alte Welt der SPD verschwindet immer weiter, wohin sie geht, weiß auch in Bochum keiner so recht. Jedenfalls nicht zur CDU. 60000 Stammwähler hat die hier, wie viel Prozent das am Ende ergibt, hängt davon, wie viele Wähler die SPD mobilisieren kann. Vor einigen Wochen wollten seine Kollegen noch einmal zulegen, vielleicht endlich stärkste Fraktion werden. Heute, sagt Lothar Gräfingholt, gilt die Devise: Ergebnis halten.

Gräfingholt ist der Gegenkandidat von Ottilie Scholz. Er lehnt sich im Fraktionszimmer nach vorn gegen den Tisch, er duckt sich, als wolle er sich klein machen. Er trägt eine Nomos von Glashütte, eine Uhr, mit der man sich absetzt, ohne gleich zu prahlen. Gräfingholt war als Jurist beim Energieunternehmen RWE, vor wenigen Monaten hat er gekündigt, um sich ganz dem Wahlkampf für die CDU zu widmen. „Es sind Kommunalwahlen, und wir wollen auch kommunalpolitische Themen in den Mittelpunkt rücken.“ In seinem Zehn-Punkte-Programm für Bochum fordert Gräfingholt die Abschaffung der Biotonne.

„Wir werden auch auf bundespolitische Themen angesprochen“, sagt Lothar Gräfingholt. „Dann habe ich einige Aussagen, die ankommen und von denen ich überzeugt bin.“ Vor dem Rathaus wurde er gefragt: Sind Sie für oder gegen HartzIV? Ja oder Nein. Dabei geht es doch darum, das Thema differenziert zu diskutieren, sagt der CDU-Kandidat. Doch dazu kommt es kaum. Auch Gräfingholt sieht sich eher links von der Mitte, Arbeiterfamilie eben, mehr Merkel als Merz, in die Junge Union ist der Bochumer damals wegen eines Mädchens gegangen.

Ottilie Scholz sitzt noch im Café „Livingroom“. Heide Simonis ist weg, hilft schon wieder woanders beim Wahlkampf. „Gar nicht ruhrgebietsmäßig“, hatte sie über Bochum gesagt, keine triste Gegend. „Wir sind seit 20 Jahren auf dem Weg nach oben“, sagt Scholz. Soziologie hat sie mal studiert, ledig, keine Kinder. Sie ist in Recklinghausen geboren. Die SPD hat aus der Niederlage vor fünf Jahren gelernt, sagt Scholz, sie rechne mit dem gesamten Spektrum: von gewinnen bis verlieren.

Die SPD verkauft an ihrem Wahlstand Rostbratwürste, die CDU Waffeln. Einer neben dem anderen. Scholz gegen Gräfingholt, SPD gegen CDU, der Rest der Welt ist mit Heide Simonis abgereist. Es geht wieder nur um Bochum: Baustellen, Verkehrsführung, Schulen, Arbeitsplätze. Dass sich hier, wieder einmal, wenigstens symbolisch das Schicksal von Schröder und Clement entscheidet, von Hartz, von der Zukunft des Landes, es ist kaum zu spüren. „Ich habe keine Ahnung, wie sich der Wähler entscheidet und von welchen Faktoren das abhängt“, sagt Ottilie Scholz schließlich. „Ich habe keine Ahnung.“ Die SPD hat das Gefühl für den Wähler verloren, die CDU hatte in Nordrhein-Westfalen dieses Gefühl nie.

Wenn Ottilie Scholz die Wahl verliert, bleibt sie Kämmerin, Gräfingholt wird sich als Anwalt niederlassen, und Johannes Scholz-Wittek geht möglicherweise irgendwann zu Amnesty International. „Wenn ich zwei Wochen nicht da bin, bin ich froh, den ganzen Kappes hier vom Hals zu haben.“ Aber irgendwie merkt er auch, dass er ihm fehlt.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!