Zeitung Heute : Abschreckung durch Aufpasser

Der Tagesspiegel

Auf den ersten Blick wirkt die Auguste-Viktoria-Straße in Wilmersdorf wie jede andere Straße in den ruhigen südwestlichen Bezirken. Grün und friedlich. Wer genau hinsieht, merkt: Es handelt sich um eine der best gesicherten Wohngegenden der Stadt. Polizeiautos am Straßenrand, die Hausnummern 74 bis 76 sind rund um die Uhr bewacht. Patrouille vor der israelischen Botschaft. Für sie wie für viele andere der insgesamt 53 jüdischen Objekte, die in Berlin unter besonderem Polizeischutz stehen, gilt Sicherheitsstufe eins. „Die israelische Botschaft gehört zu den gefährdetsten Gebäuden in Berlin“, sagt Polizeihauptkommissar Manfred Schneider, zuständig für den Objektschutz in der Stadt.

In grüner Uniform patrouillieren die „PAngOS“, die Polizeiangestellten im Objektschutz, vor den Gebäuden. 6,1 Angestellte braucht Manfred Schneider statistisch gesehen, um ein Objekt 24 Stunden lang von einem Beamten bewachen zu lassen. An den gefährdetsten Stellen tun fünf Bewacher gleichzeitig Dienst. Vor allem die Maschinenpistolen, die die PAnGOS tragen, sind für viele Passanten ein ungewohnter Anblick. Doch was so gefährlich wirkt, dient in erster Linie der Abschreckung. Das gepanzerte Fahrzeug vor der Synagoge in der Oranienburger Straße ist vor allem als Schutz für die diensthabenden Angestellten gedacht. „Mit dem Ding können sie niemanden angreifen“, sagt Schneider. „Wir sind schließlich kein Militär".

Aufgabe der Objektschützer ist es in erster Linie zu verhindern, dass Autos in den Sicherheitszonen parken oder Fahrräder abgestellt werden. „Schließlich kann auch ein Fahrradrahmen voller Sprengstoff sein“. Die Bewacher kennen den jeweiligen Ort wie niemand sonst. Nach Möglichkeit werden sie stets vor dem gleichen Gebäude eingesetzt. Acht Stunden ihrer Zwölf-Stunden-Schicht stehen sie vor „ihrem Objekt“, vier Stunden lang beobachten sie es von drinnen auf einem Monitor. „Mit der Zeit kennt man alle Passanten, alle Anwohner, alle Hunde. Man bemerkt auch die winzigste Veränderung“, sagt Knut Rothe, der seit 1993 die israelische Botschaft bewacht. Sollte es tatsächlich zu einem Angriff kommen, dann sollen die Objektschützer vor allem so schnell wie möglich die Kollegen von der Polizei informieren. Denn sie sind Polizeiangestellte und keine Polizeibeamten, sind mit geringeren Rechten ausgestattet. Ihre Ausbildung dauert neun Wochen.

Das Abschreckungskonzept gehe auf, sagt Schneider. „Dort, wo wir die 24-Stunden-Überwachung haben, ist in den letzten Jahren nie etwas passiert.“ Jedenfalls nicht das, weswegen die Leute ursprünglich aufgestellt wurden, also Angriffe von Rechtsextremen oder arabischen Terroristen. Gefährlich werden ganz andere Situationen. So wurde unlängst ein Angestellter von einem Selbstmörder niedergestochen. Katharina Schuler

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