Zeitung Heute : Absolut diskret

Vor allem das Bankgeheimnis macht den Finanzort Schweiz so attraktiv

Anselm Waldermann

Eigentlich war der Ausdruck als Schimpfwort gedacht. „Die Gnome von Zürich“ – so nannte der Labour-Abgeordnete Harold Wilson 1956 die Banker in der Schweiz. Mit Spekulationen an den internationalen Finanzmärkten hätten sie das britische Pfund massiv abgewertet, lautete sein Vorwurf.

Mittlerweile haben sich die Zürcher Finanzgrößen damit abgefunden, als Gnome bezeichnet zu werden. Die Tourismusmanager der Stadt erzählen die Geschichte heute sogar recht gerne. Schließlich haben Gnome durchaus ihre Vorzüge: In der Welt der Märchen leben sie unter der Erde, horten ihre Reichtümer, und sind vor allem eines: verschwiegen.

Genau die richtige Voraussetzung, um erfolgreich eine Bank zu führen. „Wir stehen nicht so gerne in der Öffentlichkeit“, sagt Christian Hafner, „wir arbeiten lieber im Verborgenen.“ Hafner ist Mitglied der Geschäftsleitung bei der Bank Wegelin. Das Institut wurde 1741 gegründet und ist damit die älteste Bank der Schweiz.

Als sich das aus St. Gallen stammende Unternehmen 1998 auch in Zürich niederließ, kam ein Standort an der Bahnhofstraße nicht in Frage. Da, wo alle Banken ihren Sitz haben, ist für die Privatbank zu viel Trubel. „Wir legen Wert auf Understatement“, sagt Hafner. Und so zog das Institut in die Fraumünsterstraße – immer noch zentral, aber nicht ganz so auffällig.

Die Zurückhaltung hat sich für die Bank gelohnt: 50 Prozent ihrer Kunden sind Nicht-Schweizer. Allein nach Deutschland hat das Institut im vergangenen Jahr 30 000 Briefe verschickt, 20 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Hinzu kommen noch weitere Kunden, die lieber keine Post aus der Schweiz bekommen möchten - sie schauen lieber persönlich vorbei. „Ein Viertel unserer Kunden wünscht absolute Diskretion“, erklärt Hafner. „Das entspricht aber genau dem gleichen Anteil wie bei Schweizer Kunden auch“, fügt er rasch hinzu. Schnell steht sonst der Vorwurf der Steuerhinterziehung im Raum.

Der Reingewinn aller Schweizer Banken belief sich im vergangenen Jahr auf 24,7 Milliarden Euro. Insgesamt lagern in der Schweiz drei Billionen Euro ausländische Gelder. Zum Vergleich: Das Bruttoinlandsprodukt in Deutschland, also die gesamte hierzulande erbrachte Wirtschaftsleistung, hatte im vergangenen Jahr einen Wert von 2,2 Billionen Euro.

Wieso fließt all dieser Reichtum in die Schweiz? An besonders niedrigen Steuersätzen könne es jedenfalls nicht liegen, erklärt Robert Waldburger. Er ist Vizedirektor der Eidgenössischen Steuerverwaltung. Zinssteuer, Börsentransaktionssteuer und weitere Abgaben summierten sich schnell zu einer Gesamtbelastung von 35 Prozent. „Unser Steuerklima ist eigentlich miserabel“, sagt der Fachmann.

Es müssen also andere Faktoren sein, die den Finanzstandort Schweiz so attraktiv machen. „Der Hauptgrund ist das Bankgeheimnis.“ Seit dem Jahr 2003 können die deutschen Behörden Auskunft über auffällige Kontobewegungen verlangen. Pro Jahr gehen aber nur 30 bis 60 Ersuchen ein, erzählt Waldburger. Die eidgenössische Steuerverwaltung prüft dann in jedem einzelnen Fall, ob tatsächlich ein Steuerbetrug vorliegt - und vor allem, ob er auch nach Schweizer Recht vorliegt.

Für wohlhabende Ausländer ist dieser Schutz ein wichtiges Argument. Allein die Bank Wegelin verwaltet zehn Milliarden Euro private Vermögen. Rund eine Million Euro hat der durchschnittliche Wegelin-Kunde in seinem Depot. „Es gibt keine Privatbank, die so schnell wächst wie wir“, berichtet Geschäftsführer Hafner stolz.

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