Zeitung Heute : "Absolut lächerlisch" - Henryk M. Broder über die Transzendenz der Krise bei "Christiansen" (Glosse)

Henryk M. Broder

Seit es die Muppet-Show nicht mehr gibt, macht das Fernsehen nur noch halb so viel Freude. Außer am Sonntagabend, denn da konkurrieren "Naddel" auf RTL 2, meinem Lieblingssender, und "Christiansen" in der ARD miteinander. Dann zappe ich immer hin und her und stelle mir vor, wie toll es wäre, wenn "Naddel" bei "Christiansen" sitzen würde oder umgekehrt. Freilich, es können nicht immer alle Wünsche in Erfüllung gehen, und letzten Sonntag schien Frau Christiansen ihrer Kollegin aus dem "Peep"-Laden um eine entscheidende Nasenlänge voraus: Sie hatte den bestaussehenden Politiker Österreichs, Jörg Haider in ihre Sendung eingeladen, während bei Naddel nur zwei NoNames aus dem genitalen Zwielicht auftreten sollten. Also entschied ich mich für "Christiansen", zumal ich gerade von Udo Walz erfahren hatte, dass er Frau Christiansen jeden Sonntag frisurenmäßig fit macht, aber im Nachspann nicht genannt wird.

Um beim Wichtigsten anzufangen: Udo Walz macht seine Arbeit super. Sabine Christiansen sah wie ihre eigene Tochter aus, während die Herren, die sich um sie scharten, ein wenig angejahrt wirkten: Herr Vogel von der SPD, Herr Friedman von der CDU, Herr Glück von der CSU, Herr Westerwelle von der FDP und Herr Cohn-Bendit, die Stimme des hessischen Imperativs. Nur Herr Haider fehlte, denn ihn hatte Frau Christiansen kurzfristig wieder ausgeladen, nachdem die Herren Friedman und Schily ihre Teilnahme wegen Haider storniert hatten. Das fand Frau Christiansen höchst bedauerlich, denn sie hatte sich vorgenommen, "den Extremismus mit demokratischen Mitteln zu bekämpfen". Die Rolle von Herrn Schily übernahm Herr Vogel, während Herr Friedman, der schon abgesprungen war, wieder für sich selbst einsprang. Das Präsidiumsmitglied im Zentralrat der Juden in Deutschland hatte seine Absage an die ARD-Talk-Show zunächst damit begründet, der "Rechtsopportunist" Haider verharmlose das Dritte Reich und verniedliche den Holocaust, deshalb fehle das "Minimum an Grundlage", um miteinander reden zu können.

Dieses Hin- und Herr fand Herr Cohn-Bendit seinerseits "absolut lächerlisch" und warf Frau Christiansen vor, sie habe Haider nur eingeladen, weil es ihr auf "die Quote" ankam: "Auch B-Movie-Darsteller wie ich und Guido Westerwelle hätten uns mit Haider auseinander setzen können." Worauf Frau Christiansen vor Empörung aufbrauste und die "böse Unterstellung" zurückwies. So kam gleich zu Anfang Leben in die Runde, aber der Funkenflug dauerte nicht lange, denn Herr Vogel bestand auf einer ordentlichen Diskussion: "Wie viele Moderatoren haben wir hier, einen oder zwei?" - Da zog Frau Christiansen die Zügel wieder an, entzog Herrn Cohn-Bendit das Wort, und Herr Vogel konnte ein längeres, garantiert sinnfreies Statement völlig ungehindert mit dem Satz beenden: "Ich habe mich undeutlich genug ausgedrückt, um verstanden zu werden."

Das war auch absolut muppetreif, weswegen die anderen Teilnehmer des Gesprächskreises sich mächtig ins Zeug legten, um mit Herrn Vogel mithalten zu können. Unklar blieb nur, worum es die ganze Zeit ging: die Krise der CDU und die Regierungsbildung in Österreich oder die Krise in Österreich und einen "Akt der demokratischen Hygiene" in Deutschland, wie Herr Westerwelle es ausdrückte. Vogel stellte die Frage, wozu man denn einen Haider gebraucht hätte, um über die deutschen Spendenskandale zu reden. Aber sonst war es eine schöne Sendung, die von Frau Christiansen mit dem Satz "Wir sehen, wie vielschichtig das Thema ist" harmonisch geschlossen wurde. "Das ist die Transzendenz der Krise, mal hab ich sie und mal ham Sie se", hat schon Wolfgang Neuss gereimt. Nächste Woche schau ich mir wieder "Naddel" an. Die ist nicht so transzendent, dafür weiß man bei ihr wenigstens, worum es geht.

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