Zeitung Heute : Absolvent Leander Scholz ernährt sich durch drei Berufe

Gibt es ein Leben nach dem Studium? In unserer Rub

Gibt es ein Leben nach dem Studium? In unserer Rubrik erzählen in loser Folge Absolventen und Abbrecher über ihre erste Zeit "draußen". Wenn Sie selbst noch nicht länger als drei Jahre von der Uni weg sind und an dieser Stelle über ihre Bemühungen um den Berufseinstieg berichten wollen, schicken Sie eine kurze Nachricht mit ihrer Telefonnummer an die Campus-Redaktion des Tagesspiegels, 10 876 Berlin, Stichwort "Umsteiger".

"Ich habe bis 1996 Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte studiert. Heute denke ich, Jura wäre auch interessant gewesen, oder Physik. Nicht, dass ich meine Fächer nicht mehr mag. Ich hätte nur gerne noch mehr gemacht. In den ersten Jahren des Studiums hatten wir das Gefühl, unendlich viel Zeit zu haben. Das waren schöne, aber natürlich auch trügerische Jahre. Ich habe nie die Notwendigkeit gefühlt, mich ganz von der Uni abzuwenden. Vielleicht weil, ich schon während meines Studiums andere Dinge getan habe: meinen Roman "Jungfernpergament" geschrieben, eine Zeitschrift gegründet, mit einem Freund einen Verlag aufgebaut. Das hat mir viel Freude gemacht: endlich einmal etwas Praktisches zu tun und mit jemandem eng zusammenzuarbeiten. Meine Freundschaften haben sich immer aus solchen Arbeitsbeziehungen entwickelt.

Nach dem Examen habe ich einmal kurz mit dem Gedanken gespielt, Texter bei RTL zu werden oder in die Werbung zu gehen. Das hätte mich als Experiment gereizt: ein richtiger Bruch. Ich habe mich dann doch für die Kontinuität entschieden, mit der Doktorarbeit begonnen und arbeite jetzt als wissenschaftlicher Mitarbeiter in einem Institut für Medientheorie in Köln.

Ich schreibe seit meiner Jugend. Im Frühjahr erscheint mein dritter Roman, letztes Jahr hat man mich zum Bachmann-Wettbewerb nach Klagenfurt eingeladen. Darüber freut sich natürlich jeder. Aber ich hatte nie das Ziel, Schriftsteller als meinen Beruf anzugeben. Ich finde, das kann man sich nicht vornehmen. Zur Zeit wünsche ich mir auch nicht, nur vom literarischen Schreiben leben zu können. Mich interessieren einfach zu viele andere Sachen. Vielleicht muß ich mich irgendwann entscheiden zwischen Literatur, Uni und Verlag. Momentan hoffe ich, dass es noch eine Zeitlang mehrgleisig weitergeht. Eine materiell sichere Perspektive liefert mir keiner der drei Bereiche. Aus den letzten Jahren weiß ich aber, dass Initiativen gelingen können. Ich habe ein gewisses Vertrauen zu mir. Das heißt, ich weiß, dass ich mit meinen Existenzängsten produktiv umgehen kann. Man kann auch Sicherheit darin entwickeln, in Unsicherheit zu leben. Ich bedauere überhaupt nicht, so etwas "Brotloses" wie Philosophie studiert zu haben. Philosophie zu studieren war eines der wesentlichsten Dinge, die mir in meinem Leben zugestoßen sind, ohne die ich nicht der wäre, der ich heute bin. Anstrengend finde ich, in Deutschland ständig als Buchstabengelehrter belächelt zu werden. Dabei ist die Tragödie doch, wie wenig das kulturelle Wissen der Geisteswissenschaften in unserer Gesellschaft noch gefragt ist." (Protokoll: Kirsten Wenzel)

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