Zeitung Heute : Abstammungsfragen klären

Wie eine Mutter Berlin erleben kann

Dorothee Nolte

In unserer Familie gibt es zwei Neuankömmlinge: einen Dreijährigen, der sich neuerdings als „der große Bruder“ bezeichnet und auch so aufführt („Ich pass auf das Baby auf! Ich bin der Chef, nä?“) und einen dreiwöchigen Säugling, der meistens schläft. In lichten Momenten schneidet das Brüderchen Grimassen, rudert unkoordiniert mit den Ärmchen, und lässt die ganze Welt an seinen Verdauungsvorgängen teilhaben, weswegen ihn der große Bruder überwiegend „lustig“ findet. Hin und wieder probiert er mit ein paar Knüffen und Püffen, wie stabil der Kleine ist; der Gepuffte nimmt das hin, schon jetzt hat er diesen illusionslosen Gesichtsausdruck der Zweitgeborenen, die um ihr Schicksal als Punching-Ball wissen.

Dass dieses schmatzende Etwas ihn entthronen und zu Eifersuchtsstürmen verleiten könnte – eine Sorge, die Heerscharen von Psychologen und Ratgeberautoren umtreibt –, dieser Gedanke ist dem Großen noch nicht gekommen. Er ist geübt darin, sich in jeder Lebenslage Aufmerksamkeit zu verschaffen. Wenn etwa die Eltern am Abend ein paar erwachsene Angelegenheiten besprechen, erhebt er sich auf seinem Stuhl und ruft: „Hört auf zu reden!“ (dramatische Pause, Finger in der Luft, moralische Empörung im Gesicht): „Ihr stört die Nachbaren!“

Dennoch bewegt mich die Sorge, der große Bruder könne irgendwann ein Ratgeberbuch in die Hände bekommen und eifersüchtig werden. Daher will ich ihm zumindest nach Ende seines Kita-Tags etwas bieten. Aber ach: Kaum schließen sich in diesen Tagen die Tore der Kindergärten, da bricht schon die Nacht herein, man sieht das Kind nur noch schemenhaft auf die Kreuzung zuhüpfen, und auf den Spielplätzen haucht der eisige Atem des Spätherbsts. Wohin in diesen unwirtlichen Zeiten mit zwei ungleichen Brüdern und einem dicken Kinderwagen?

Liouba Litvak muss meinen stummen Hilfeschrei vernommen haben und hat flugs ein Kindercafé mit Indoor-Spielplatz aufgemacht. Wohlgemerkt: Es handelt sich um ein Etablissement, vor dessen Betreten man Menschen ohne Kinder nur warnen kann. Der Genuss von Kaffee und Kuchen – bei Liouba Litvak gibt es auch Pelmeni und Piroschki – wird empfindlich gestört durch das Toben, Jaulen, Quietschen und Plumpsen der kindlichen Gäste, die auf einem vier Meter hohen Gerüst mit matratzengepolsterten Stockwerken herumturnen, durch eine gelbe Röhre in ein Bällemeer rutschen, an Ringen hängen und in Klettertürme hechten. Ein befreundeter Vater behauptet, Indoor-Spielplätze seien der Plastik gewordene Beweis dafür, dass der Mensch vom Affen abstammt; mit dem gleichen Recht könnte man aber auch die Ratte als Urahn des Menschen vermuten. Das Brüderchen, das seinerseits vom Känguru abstammt und am liebsten auf erwachsenen Bäuchen und Schultern liegt, entzieht sich dem Lärm durch Einschlafen. Hin und wieder kommt der Große heulend an, weil ihn ein älteres Kind gehauen hat; wenig später haut er ein kleineres. So sind sie, die großen Brüder. Sie stammen allesamt vom Teufel ab. Dorothee Nolte

Kindercafé Pinocchio, Düsseldorfer Straße 40, Weitere Indoor-Spielplätze: Tokatohei, Wintersteinstraße 22; Pups, Kochstraße 73.

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