Zeitung Heute : Abstieg ins Mittelmaß droht

Wissenschaftsrat warnt vor weiterem Abbau von Studienplätzen in Berlin

Amélie Mummendey

Berlin, so stellte der Wissenschaftsrat im Jahr 2000 in seiner Stellungnahme zur Strukturplanung der Hochschulen fest, zählt zu den wenigen Wissenschaftsregionen in Deutschland, die sich durch eine beeindruckende Vielzahl und Dichte von Hochschulen und Forschungseinrichtungen auszeichnen.

Die finanzielle Lage hat sich in Berlin mittlerweile dramatisch zugespitzt. Auch die Hochschulen müssen diesen Bedingungen Rechnung tragen. Für sie gilt es, Strukturentscheidungen zu treffen, Doppelangebote zu vermeiden und durch Schwerpunktbildung und Kooperation Ressourcen effizienter zu nutzen. Hierzu hat der Wissenschaftsrat Empfehlungen ausgesprochen, von denen ein Teil noch umzusetzen ist.

Als der Wissenschaftsrat seine Stellungnahme verabschiedete, hatten die Hochschulen innerhalb weniger Jahre bereits 30 000 Studienplätze abbauen müssen. Wenn nun erwogen werden sollte, bis zu 25 000 weitere Studienplätze abzubauen, käme dies einer Halbierung von vormals 115 000 auf 60 000 Studienplätze in einem Jahrzehnt nahe. Ein in der jüngeren deutschen Hochschulgeschichte beispielloser Vorgang, zumal in der Bundeshauptstadt. International würde das noch stärker als an anderen Hochschulorten wahrgenommen. Ein solcher Schritt bedeutete entweder die Auflösung einer Universität oder – ebenso schädlich – eine weitere Schwächung aller drei Universitäten. Denn hinter dem „Abbau von Studienplätzen“ verbergen sich geringere Landeszuschüsse, besonders für Personal- und Sachmittel. Diese werden den Hochschulen auch dann entzogen werden, wenn sie das Personal gar nicht entlassen können. Es liegt auf der Hand, dass es wegen der Engpässe schwierig ist, Professuren angemessen auszustatten und erfolgreiche Berufungen auszusprechen. Die Attraktivität des Wissenschaftsstandortes Berlin ist damit gefährdet.

Der Wissenschaftsrat bestätigte schon im Mai 2000, dass es den Hochschulen nur dann gelingen werde, ihre Aufgaben wahrzunehmen, wenn das wissenschaftliche Personal im geplanten Umfang erhalten bleibt. Setzt man die Kapazität von 85 000 Studienplätzen in Beziehung zur Nachfrage der Studienanfänger, so erscheinen Angebot und Nachfrage in ausgeglichenem Verhältnis. Dabei sind die Werte, mit denen die Personalausstattung für die Geisteswissenschaften berechnet werden, allerdings durchgehend niedrig angesetzt, so dass in diesen Fächern mit vergleichsweise geringem Personal ein hoher Anteil an Studienplätzen betreut wird. Es käme einer Kirchturmpolitik gleich, wenn sich Berlin bei den Studienplätzen nur auf den Bedarf der eigenen Landeskinder beschränken würde. Gerade die Hauptstadt und Metropole sollte bestrebt sein, Studierende aus dem In- und Ausland zu gewinnen. Der schon erfreulich hohe Anteil ausländischer Studierender belegt die Attraktivität, die Berlin außerhalb der Stadtgrenzen immer noch hat.

Die Leistungsfähigkeit der Hochschulen und Forschungseinrichtungen stellen langfristig einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil für Berlin und deshalb ein sorgfältig zu pflegendes Gut dar. Diese haben nicht nur große wissenschaftliche, sondern auch hohe wirtschaftspolitische Relevanz. Entsprechend wurden für sie erhebliche Investitionen getätigt. Allein in den Hochschulbau flossen von 1990 bis 2001 rund 1,6 Milliarden Euro. Ein weiterer radikaler Abbau, von dem nicht nur Studienplätze, sondern sämtliche Universitätsstrukturen betroffen würden, wäre für Professoren und Mitarbeiter demotivierend, würde die Arbeitsfähigkeit lähmen und darüber hinaus zu einem Verlust von Arbeitsplätzen führen. Den Berliner Hochschulen drohte der Abstieg ins Mittelmaß.

Die Autorin ist Vorsitzende der Wissenschaftlichen Kommission des Wissenschaftsrates.

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