Zeitung Heute : abstinent Amy war

Vater Mitch Winehouse am 27. Juli 2011 4,16 Promille hatte Amy Winehouse bei ihrem Tod im Blut. Ihr Song „Rehab“ klingt wie eine traurige Zukunftsprognose.

Als die Tochter eines Taxifahrers aus Southgate, London, diesen Song 2006 aufnimmt, knüpft sie an eine zentrale alte Tugend des Soul an. Sie macht aus ihrem vermurksten Leben ein Drama – ein Drama der Selbstverwirklichung, der Rebellion. Dass Amy Winehouse ihr Drama persönlich noch gar nicht richtig ausgeschöpft hat, als „Rehab“ (deutsch: Entzug) entsteht, sagt viel aus über die Macht imaginierter Selbstbildnisse. Von diesem Hit an läuft sie ihrer eigenen Erfindung hinterher.

Ihr Dilemma ist, dass es eigentlich alle nur gut mit ihr meinen. Winehouse hat einen verständnisvollen Vater und, soweit man weiß, eine liebevolle Mutter, die ihr Talent früh erkennen und es fördern. Und auch das Management will ihr Bestes. „Sie versuchten, mich auf Entzug zu schicken, aber ich sagte – nein, nein, nein.“ Die Sängerin soll ihr Leben in Ordnung bringen. Das würde bedeuten, mit dem Chaos aufzuräumen, dem sie ihre Produktivität verdankt. Deshalb findet sie eine clevere Ausrede: „Sicher“, sagt sie, „ich bin mal hinüber, aber sobald ich wieder klar bin, merkt man es mir nicht einmal mehr an.“ Es ist die Einladung in den Ko-Alkoholismus. So lange das mit dem Klarwerden funktioniert, ist doch alles klar. Winehouse weiß am besten, was für sie gut ist.

Sie empfiehlt die Platten von Ray Charles und Donny Hathaway, eines amerikanischen Soul-Sängers, der sich 1979 mit 33 Jahren in New York von einem Hotelbalkon stürzte. Hathaway litt unter schweren Depressionen. In einem Entzugsprogramm gebe es nichts für sie zu lernen, meint Winehouse, das sie nicht besser von Hathaway lernen könnte.

Dabei hat sie es durchaus schon versucht mit einer Entziehungskur, der Doktor fragte: „Warum glauben Sie, dass Sie hier sind?“ Und sie staunte darüber, dass nicht er es ist, der ihr das erklären kann. Es entwickelt sich ein witziger Psychodialog, der demonstriert, wie unsinnig eine Therapie in ihrem Fall wohl ist. Geht es doch eigentlich nur um Liebeskummer. „Ich brauche bloß einen Freund“, folgert Winehouse.

In ihrer zweijährigen turbulenten Ehe mit Blake Fielder-Civil, einem Drogenjunkie, suchte sie Bestätigung für diese These. Das Ergebnis war fatal. Ein Foto mit Crack-Pfeife, viele Fotos mit Joints. Kaum ein Konzert brachte sie nüchtern zu Ende, oft war sie vorher schon so betrunken, dass sie es nicht auf die Bühne schaffte.

Vielleicht wäre es nie so weit gekommen, wenn ihr Produzent Mark Ronson mitfühlender gewesen wäre. Als Amy Winehouse ihm bei den Aufnahmen von „Back to Black“ erzählte, dass man sie in eine Entzugsklinik stecken wolle, da hörte er nur ihre Worte und wie super sie als Refrain klingen würden. Da wollte er sofort wieder ins Studio zurück. „Ich schätze, als Freund hätte ich sagen sollen, ,Oh, das muss hart für dich sein’.“

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