Zeitung Heute : Abstraktes ablichten

David Ensikat

Wie ein Ost-Berliner die Stadt erleben kann

Die große Günther-Uecker- Ausstellung im Gropiusbau ist wirklich sehr empfehlenswert, man muss nur wissen, dass in dem großen Raum mit den lustigen lauten Apparaten eine sehr strenge Dame Aufsicht führt.

Ich habe in die Ausstellung meinen Sohn mitgenommen. Was die Kunstrezeption anbelangt, so befindet er sich im Augenblick in einer Phase, in welcher er Abstraktes nur wertschätzt, wenn es sich bewegt und Radau macht. Insofern haben ihn Ueckers Nagelbilder weniger beeindruckt, die scheppernden Installationen dafür umso mehr.

Seit ich einen elektronischen Fotoapparat besitze, fotografiere ich eigentlich überall, natürlich auch in Ausstellungen. Entscheidend ist nur eines: Ich brauche einen Vorder- und einen Hintergrund. Die Uecker-Ausstellung eignet sich ganz hervorragend als Hintergrund, als Vordergrund hatte ich meinen Sohn dabei.

In den Räumen mit den Nagelbildern drückte mein Vordergrund Verständnislosigkeit aus. In dem großen Raum mit den lauten Mobiles zeigte er sich begeistert – das nützte aber nichts, denn hier war die Aufsicht äußerst streng: Auch als Hintergrund dürfe Ueckerkunst im Gropiusbau nicht fotografiert werden, basta.

Ein einziges Foto habe ich vor der Intervention machen können: Sohn mit aufgeschlossenem Blick vor Uecker-Mobile mit Hammer und E-Gitarre. Die Aufsicht rief: „Sie löschen jetzt sofort das Bild!“ Ich log: „Ist schon gelöscht.“ Die Aufsicht wiederholte: „Sie löschen jetzt sofort das Bild!“ – „Hab ich doch schon.“ – „Löschen Sie jetzt das Bild, oder …“ „Aber ich hab es doch gelöscht.“ Damit war die Diskussion beendet, wir liefen in den nächsten Raum, die Aufsicht folgte, um zu sehen, ob ich mich nochmal ihren Anweisungen widersetzen würde. Dazu hatte ich keinen Anlass mehr. Es befand sich nur noch bewegungslos Abstraktes in den Räumen, Fotos mit entsprechendem Vordergrund hatte ich genug.

Zuhause musste ich feststellen, dass das Bild verwackelt war. Da habe ich es gelöscht. Was bleibt, sind lauter Fotos mit verständnislosem Vordergrund. Schade, wirklich schade. Die scheppernden Uecker-Werke fand ich persönlich eigentlich auch am besten.

Günther-Uecker-Ausstellung im Martin-Gropius-Bau, noch bis 6. Juni

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