Zeitung Heute : Absturz aus Langeweile

Rainer Woratschka

Die Zahl der Jugendlichen mit Alkoholvergiftungen ist nach Angaben der Bundesregierung innerhalb von vier Jahren um 50 Prozent gestiegen. Wie kann der Missbrauch von Alkohol eingedämmt werden?


Alarmierend sei der Trend, sagt Sabine Bätzing, und die Statistik gibt der Drogenbeauftragten recht: In fünf Jahren stieg die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die sturzbetrunken ins Krankenhaus eingeliefert wurden, um 50 Prozent. Aus 12 035 Fällen im Jahr 2000 wurden 17 931 im Jahr 2004. Jeder Zweite war jünger als 16 und mehr als die Hälfte der Behandelten brachten es auf über zwei Promille.

Ein „wachsendes Problem“, dem man aber nicht tatenlos zusehen müsse, meint Bätzing. Mit bundesweiter Prävention lasse sich viel erreichen, wie ein Modellprojekt namens „Halt“ gezeigt habe. An elf Orten der Republik versucht man sich seit 2003 diesbezüglich in einer Art Doppelstrategie: einerseits mit Hilfe und Beratung möglichst noch am Krankenbett für die bereits „Abgestürzten“, andererseits mit Info-Kampagnen vor Ort im Zusammenspiel von Politik, Jugendhilfe, Einzelhandel und Gastronomie.

Es sei „nun an der Zeit, dass die Krankenkassen den Nutzen des Projekts erkennen“, sagt der wissenschaftliche Begleiter, Michael Steiner von der Prognos AG. Das Programm koste wenig und sei „sehr effizient“. Auch die Drogenbeauftragte fordert die Ausweitung auf Kassenkosten. 2,1 Millionen Euro habe der Bund bereits investiert. Und 360 Euro pro Fall – das sei wirklich gut investiertes Geld.

Gespräche, Kurse, Kurztherapien. Bei der Beratung geht es um zwei Dinge: den Jugendlichen die gefährlichen Folgen klarzumachen und ihnen zu zeigen, dass sich der ersehnte Kick im Alltag auch anders holen lässt. Zum Beispiel mit Tauch- oder Kletterkursen. Als Gründe für Alkoholexzesse nannten die Jugendlichen nämlich nicht Perspektivlosigkeit oder Zukunftsangst, sondern vor allem Langeweile und private Probleme. Das erklärt auch, dass sie sich unabhängig von der sozialen Herkunft ins Koma saufen. In drei von vier Fällen geschieht das am Wochenende – bei Mädchen eher auf Partys, bei Jungs im Freien. Auch die Getränke variieren. Mädchen bevorzugen fürs Delirium Mixgetränke, die Jungs trinken Schnaps.

Was die Frage aufwirft, woher sie beides bekommen. Immerhin jeder Vierte berichtete, dass er den Alkohol ganz normal gekauft habe – trotz Jugendschutzgesetz, das die Abgabe von Bier und Wein an unter 16-Jährige und Schnapsverkauf an Jugendliche generell unter Strafe stellt. Offenbar schrecken Konzessionsentzug und Geldbußen bis zu 50 000 Euro nicht wirklich. Die Sondersteuer auf Alcopops im Jahr 2004 habe die Zahl der verkauften Mixgetränke halbiert, sagt Bätzing. Und im Rahmen des Modellprojekts habe man auch Festbetreiber und Gastwirte sensibilisieren können. An Kioskbetreiber aber komme man schwer heran. „Wir brauchen schärfere Kontrollen“, fordert die Politikerin deshalb. Und das sei ein Appell an die Kommunen wie an „jeden von uns, der einen 15-Jährigen mit Sixpack an der Supermarktkasse beobachtet“.

Ansonsten zähle das eigene Vorbild. Im Schnitt konsumiere in Deutschland jeder pro Jahr 10,3 Liter reinen Alkohol. Maßlos sei das, findet Bätzing. Angesichts dessen brauche man sich über saufende Jugendliche nicht zu wundern.

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