Zeitung Heute : Absturzursache ungeklärt

Der rätselhafte Fall des Fußballtrainers Klaus Toppmöller

Helmut Schümann

Einfach wegrennen, das geht nicht mehr. Sich verstecken tief im Wald und dort abwarten, bis Ruhe eingekehrt ist, wie es Klaus Toppmöller schon einmal erfolgreich praktiziert hat. Das war vor vielen Jahren, als er noch jung war und wild war und Mittelstürmer des 1. FC Kaiserslautern und seinen Ferrari vor einen Baum gesetzt hatte. Da ist er losgelaufen, hinein in den Pfälzer Wald, und etliche Stunden später hat er der Polizei gesagt, dass er unter Schock gestanden habe. Erst Jahrzehnte später hat er eingeräumt, dass es nicht die Blutleere im Hirn war, sondern der Alkohol im Blut. Damals war er davongekommen.

Doch heute? Wovor soll er weglaufen? Und zu welchem Zweck? Dass Bayer Leverkusen, bei denen Toppmöller Trainer ist, sich in akutester Abstiegsgefahr befindet, wird die Polizei schon nicht auf den Plan rufen, auch nicht, wenn am Sonntag beim Deutschen Meister Borussia Dortmund das nächste Spiel verloren ginge – und außerdem, was hätte er zu verbergen, was zu verheimlichen? Klaus Toppmöller, 51, schweigt jetzt lieber, so beharrlich, dass die Männer von „Bild“, die doch ansonsten im Fußballgeschäft immer noch ein Sätzchen rauskriegen, schon bei Toppmöllers Gattin nachfragen mussten, um wenigstens ein Sippenstatement zu erhaschen. Sie erfuhren dann, dass Frau Toppmöller vom Sternzeichen Löwe ist und das Kämpfen kennt.

Ein verwirrter Professor

Sie werden kämpfen müssen, die Toppmöllers. Gatte Klaus scheint nicht mehr gewinnen zu können – nur Erklärungen, Analysen, Rechtfertigungen, die gibt es kaum für den jähen Sturz von Bayer 04 Leverkusen. Er hat sich einfach vollzogen, ist sozusagen aus heiterstem Himmel gekommen, und nun steht dieser Klaus Toppmöller, der noch vor wenigen Monaten mit Inbrunst und Leidenschaft über Fußball erzählen konnte und wollte, reichlich bedröppelt da. Die örtlichen Auguren, die jedes Training beobachten und jedes Stirnrunzeln deuten und vor einem halben Jahr noch Toppmöllers widerborstige Frisur als Symbol seiner unbändigen Lebensfreude interpretierten, haben jetzt ein neues Bild gefunden: Toppmöller wirke in diesen Tagen wie ein verwirrter Professor. Was so verwunderlich nicht wäre: Es ist erst ein halbes Jahr her, da war Toppmöller der Mann der Branche, Trainer des Jahres 2002 – und nun hat Vereinsmanager Rainer Calmund schon mal mit der szeneüblichen Formel vorsichtig angedeutet, dass der Trainerposten in Leverkusen zur Disposition steht: „Es gibt keine Trainerdiskussion.“

Die gibt es natürlich schon, wenn ein Verein mit dem wuchtigen und offiziell angegebenen Etat von 38,5 Millionen Euro, mit einem Weltkonzern im Rücken, der inoffiziell diesen Etat noch um etliches erweitert, und mit gehobensten Ansprüchen nur auf Platz 14 der Tabelle rangiert. Die gibt es dann natürlich schon, wenn der Verein und der Konzern die Abgänge der vorherigen Leistungsträger Michael Ballack und Ze Roberto mit gewaltigen Transferanstrengungen auszugleichen versuchten, dabei den Brasilianer Franca für 8,5 Millionen Euro engagierten – die teuerste Verpflichtung der Vereinsgeschichte.

Und die gibt es erst recht, weil genau dieser Verein nach gut einem Vierteljahrhundert vergeblicher Bemühungen und genau unter diesem Trainer im Vorjahr endlich die Seele der Fußballfans hier zu Lande erreicht und erweicht hat. Dreifache Verlierer waren die Leverkusener nach einer Saison gewesen, in der sie einen wunderbaren ästhetischen Fußball gespielt hatten, einen Stil, der keine Versicherung suchte. Dreifach gescheitert, weil sie in der Meisterschaft kurz vor knapp abgefangen wurden, weil sie im europäischen Finale wohl elegisch schön waren, aber Real Madrid ganz prosaisch effizienter, und weil sie im nationalen Pokalfinale dann auch keine Fortune mehr hatten. So viel Tragik rührt die Herzen, und Klaus Toppmöller, der Bauherr dieser Leverkusener Gefühligkeit, durfte sich am Ziel wähnen.

Spektakulärer Crash

Fast wahnsinnig sei er zu den Zeiten seiner Arbeitslosigkeit geworden, erzählte er einmal, wenn er in seinem Heimatdörfchen Rivenich an der Mosel gehockt habe, fest überzeugt von seinen Fähigkeiten, doch kaum beachtet von der Branche. Nur einmal, in der Saison 93/94, durfte er den Nachweis antreten, dass seine Glanz und Freude verströmende fußballerische Ideologie auch ganz oben an Deutschlands Fußballspitze erfolgreich sein kann. Das war, als er Eintracht Frankfurt trainierte, die Mannschaft zog der Konkurrenz von dannen, Deutschland war berauscht vom Spiel der Eintracht – ein halbes Jahr lang, dann zerbröselte das schwungvolle Gebilde der Eintracht in Zwietracht, Toppmöller musste vor Vertragsende gehen.

So ist es ihm häufig ergangen, einem fulminanten Start folgte ein spektakulärer Crash. So war es bei Wismut Aue, bei Waldhof Mannheim, dem VfL Bochum und dem 1. FC Saarbrücken, gerade so, als nutzten sich seine Begeisterungsfähigkeit und seine Fähigkeit zu begeistern schnell ab. Aber man muss schon mit ihm zusammensitzen, ihn reden hören über Fußball, schwelgen sehen, wenn er über die eigenen Spiele mit den Alten Herren spricht und dabei die Augen feucht werden, um zu ermessen, dass sich da nichts abnutzt. „Ich bin der ausgeglichenste Mensch, den man sich vorstellen kann“, hat er mal gesagt, „wenn der Fußball nicht dabei ist.“ Gerne glaubt man ihm ein solches Bekenntnis zur Emotionalität und Kindlichkeit. Er ist SPD-Mitglied seit Jahrzehnten, mithin ein Mann mit Hang zur Romantik, und er ist Diplom-Ingenieur, mithin auch mitunter ein rationaler Mensch, „Was ich damit sagen will: Ich habe studiert, ein Examen gemacht, aber, egal ob Bundesliga oder Alte Herren – Fußball ist das, was ich wirklich kann und wirklich will.“

Im Fußball, das weiß der Toppmöller, gibt es eine Zeit für die Freuden und eine Zeit für die Leiden. Im Moment leidet Klaus Toppmöller, einfach wegrennen, sich tief verstecken im Wald, das hilft nichts.

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