Zeitung Heute : Abwarten wird reich belohnt

Österreichische Top-Weine können lange lagern

August F. Winkler

Weizenährengelb und mit jener leicht öligen Gemächlichkeit, die ein extraktreiches und in Würde gereiftes Gewächs verheißt, floß der 1990er Grüner Veltliner ins Glas. Würde der Wein, eine Vinotheksfüllung aus dem Hause des Wachauer Spitzenwinzers Emmerich Knoll, beglücken oder enttäuschen? Er charmierte die Sinne mit seiner Opulenz bei gleichzeitig raffinierter Vielschichtigkeit. Ein Wein zum Streicheln schön, ein Genuß als Solitär, aber auch ein idealer Partner für Speisen. Die 14köpfige Jury punktete den Wein auf den sechsten Platz, nur einen Wimpernschlag vom Sieger entfernt, dem 1971 Grüner Veltliner Spätlese vom Weingut der Stadt Krems: goldgelb, graziler Körper, feine Süße, jugendlich und von begeisternder Delikatesse.

Eine Jury aus Weinjournalisten, Sommeliers und Weinhändlern hatte kürzlich im Rahmen einer Blindprobe in den Jahrgängen von 2006 zurück bis 1969 genau 22 Grüne Veltliner, acht Sauvignon blancs und acht Blaufränkische zu bewerten. Sie suchte eine Antwort auf die Frage, wie gut Österreichs klassische Rebsorten altern. Der renommierte deutsche Sommelier Jürgen Fendt fasst das Resultat zusammen: „Entgegen der weit verbreiteten Meinung, dass Grüner Veltliner, Sauvignon blanc und auch Blaufränkisch eher jung zu trinken seien, hat die Probe gezeigt, welches enorme Reifepotential in diesen Weinen steckt."

Das bewiesen eindrucksvoll auch folgende Grüne Veltliner: 1977 Spiegel Auslese vom Mantlerhof (hat noch Muskel, herb und rassig); 1979 Spätlese der Winzer Krems (feines Gewebe, würzig, leicht süßlich). Über eine dichte Struktur mit ziselierter Aromatik verfügt der ungebeugte 1991er Grüne Veltliner Vinotheksfüllung vom Nikolaihof aus Mautern in der Wachau. Rosenduftig brillierte der 1969er Gelbe Traminer vom Weingut Undhof Salomon aus Krems - ein Juwel. Dicht und reich gab sich die 1978er Zierfandler Mandl Höhe Auslese vom Weingut Stadlmann aus der Thermenregion - eine Rarität und exzellenter Tischwein.

Schaut man sich bei den Einzelbewertungen der Rebsorten die Punkte an, so überzeugten bei den Sauvignon blancs insbesondere der 1997er Kranachberg vom Sattlerhof und der 2000er Zieregg von Tement (beide Südsteiermark). Bei den burgenländischen Blaufränkischen rangierten der 2002er Goldberg von Prieler (Schützen am Gebirge) und der 2000er Dürrau von Franz Weninger (Horitschon) vorne. Auch der 2001er Reserve von Krutzler (Deutsch-Schützen), der 2004er Ungerberg von Paul Achs (Gols) sowie der als Lagenwein schon legendäre Mariental des Jahrgangs 1997 von Ernst Triebaumer (Rust) überzeugten durch die Kombination von Kraft mit Eleganz. Freilich gilt auch für die jüngeren Blaufränkischen, dass sie ihr natürliches Potential noch lange nicht ausgeschöpft haben.

Jedenfalls gehören gute Altweine zu den schönsten Trinkvergnügen. Das Faszinierende an solchen Kreszenzen ist ihre geschmackliche Vielschichtigkeit, die sublime Aromatik, diese mit Worten nicht zu beschreibende Grazie mit einem Hauch von Süße. Perfekt gereifte Weine sind nicht alt, sondern nicht mehr jung, was heißt, daß sich alles Rauhe verfeinert, alles Vordergründige sensibilisiert hat, sozusagen vergeistigt. Junge Weine haben die Frucht, alte die Nachhaltigkeit und Finesse.

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