Zeitung Heute : Abwasch? ... und wer macht jetzt den

Eine ausgesperrte Katze, Fleisch für Veganer ... – in Wohngemeinschaften lauern ständig Konflikte. Wie löst man diese? Ein Friedensangebot zum Semesterbeginn.

Lydia Brakebusch
Zoff um das richtige Zusammenleben haben auch diese Studenten im Film „L’auberge espagnole“ von 2003. Foto: Cinetext
Zoff um das richtige Zusammenleben haben auch diese Studenten im Film „L’auberge espagnole“ von 2003. Foto: CinetextFoto: Cinetext Bildarchiv

Der Plan war gut, doch am Ende rückte die Polizei an: Studenten eines Berliner Wohnheims hatten sich vor einigen Monaten gemeinsam einen Beamer gekauft, um Filme auf einer großen Leinwand zu schauen. Nur, wer darf das Gerät wann benutzen? Darüber zerstreiten sich die Käufer. Am Ende nimmt eine Gruppe der anderen den Beamer weg – mitten in der Übertragung eines Fußballspiels. Die angerufene Polizei beschlagnahmt das Gerät, da die Besitzverhältnisse nicht zu klären sind. Kein Fußball für die einen, kein Film für die anderen.

„Eine klassische Lose-Lose-Situation: beide Seiten verlieren“, sagt Iris Altheide. Sie hat Soziale Arbeit studiert und ist ausgebildete Mediatorin beim Berliner Studentenwerk. „Als Schlichterin strebt man eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten an“, sagt die 40-Jährige. „In diesem Fall ist das Gegenteil passiert und erst auf dem Scheitelpunkt des Konflikts hat man unsere Hilfe gesucht.“ Eine von vielen Wohnheimstreitigkeiten, die rechtzeitig hätte geklärt werden können. Und die eine, die Altheide und ihre Kollegen auf die Idee brachte, eine Mediation für zerstrittene WG-Bewohner anzubieten – neben den Erste-Hilfe-Schlichtungen durch die 18 Tutoren der Berliner Studentenwohnheime.

Bei der Mediation ist es wichtig, dass sich alle Parteien an einen Tisch setzen. Jeder darf seine Einschätzung der Situation, seine Wünsche und Verbesserungsideen vortragen. Die anderen hören zu. Was zu Hause oft nicht geschieht. Altheide moderiert die Aussprache, lenkt das Gespräch, gibt Hinweise. Nie wieder Lose-Lose, nur noch Win-Win.

Der Bedarf an Beratung werde kontinuierlich mit den Berliner Mieten steigen, sagt Iris Altheide. Der Wohnungsmarkt ist umkämpft, auch weil mehr junge Menschen in der Hauptstadt studieren. Im vergangenen Herbst schrieben sich fast 25 000 Erstsemester an den hiesigen Hochschulen ein – ein Rekordwert. Die Enge in der Stadt erhöht die Bereitschaft, am Fortführen einer Wohngemeinschaft zu arbeiten. Heute packen WGler nicht mehr beim ersten Streit die Koffer und suchen sich ein neues Zimmer. Angesichts von Bewerberfluten, Castingrunden und anspruchsvollen Vorgaben für Wunschmitbewohner („Veganer, politisch aktiv, Nichtraucher“) lohnt der Aufwand, sich an einen Tisch zu setzen und den WG-Frieden wieder herzustellen.

Die Wohngemeinschaft ist ein Phänomen der Nachkriegszeit. In den 60er Jahren taten sich erstmals Studenten in größeren Wohnungen zusammen und nagelten Schilder wie „Die Klotür bleibt offen“ in den Flur – als Gegenreaktion auf das bürgerliche Familienideal. In der legendären Berliner Kommune 1 sollte alles geteilt werden, vom Müsli bis zum Sexpartner. Ein Projekt, das dermaßen zum Scheitern verurteilt war, dass selbst Iris Altheide nicht hätte helfen können.

Aus diesen Vorläufern haben sich verschiedene Lebensformen entwickelt. 26 Prozent aller Berliner Studenten lebten 2009 in einer Wohngemeinschaft, aber auch nach dem Uniabschluss bleiben viele Menschen diesem Modell treu – sei es auf der Suche nach einer Gemeinschaft oder einem Weg, Miete zu sparen.

So wie Philipp. Der 36-Jährige hat bereits sein Maschinenbaustudium beendet und bewohnt seit sieben Jahren eine Sieben-Personen-WG in Mitte. Vier Zimmer sind dauerhaft von ihm und drei anderen Berufstätigen gemietet, in den restlichen dreien wechseln sich Erasmus-Studenten, Praktikanten, Prüfungsgestresste und Saisonarbeiter ab. Auf den 250 Quadratmetern haben die Ehemaligen Spuren hinterlassen: Auf einem Regal liegen an sie adressierte Briefe, ein Paar rosa Schuhe wartet darauf, endlich abgeholt zu werden, im Flur hängt ein großes Bild von einem Terrier, das Charlotte aus Frankreich aufgehängt hat. Aus Deutschland, Holland, England, Bolivien oder Frankreich kamen die Mitbewohner, mal für Monate, mal für ein Jahr. Mal Frauen, mal Männer. Trotzdem sagt Philipp: „Geknallt hat es bei uns nie.“

Für ihn gilt: Je größer die WG, desto kleiner das Konfliktpotenzial. „Eine Zweier- oder Dreier-WG kann schnell kippen“, sagt er. Wenn aber von sieben Leuten einer Liebeskummer hat, herrscht nicht gleich schlechte Stimmung am Küchentisch. Spannungen verwässern in der Masse. Neue Mitbewohner gliedern sich automatisch ein. „Wer in ein funktionierendes System kommt“, sagt Philipp, „der verhält sich nicht asozial.“

Jeder putzt einmal die Woche die Gemeinschaftszimmer. Jeder zahlt zu gleichen Teilen in eine Essenskasse ein. Jeder ist für irgendwas zuständig. Philipp zum Beispiel ist für das Toilettenpapier verantwortlich und wegen seiner Einkaufsmengen gut bekannt in der nahen Drogerie. Eine Mediation brauchte seine WG noch nie. Höchstens, um während einer lauten Party mit der Polizei zu verhandeln – das hat dann der Sozialarbeiter unter den Bewohnern übernommen.

Bei anderen läuft es nicht so glatt ab. In Köln gibt es sogar einen Psychologen, Ludger Büter, der deutschlandweit bei WG-Problemen zurate gezogen wird. Er hilft Menschen, die den Freund ihrer Mitbewohnerin nicht ausstehen können. Katzenbesitzerinnen, deren neue Untermieterin das Tier absichtlich aussperrt. Oder WGlern, die unter Cholerikern leiden.

Oft, sagt Iris Altheide, handelt es sich bei solchen Auseinandersetzungen nur um Stellvertreterstreits. Ein Vegetarier, der sich über das Fleisch auf der Anrichte beschwert, sehnt sich vielleicht nach gemeinschaftlichen Unternehmungen. Ein Mitbewohner, der über Unordnung schimpft, ist genervt davon, dass der Zimmernachbar ständig Besuch hat.

Deshalb rät Iris Altheide, vor dem Einzug unbedingt zu bedenken: Wünsche ich mir eine Zweck-WG oder ein freundschaftliches Miteinander? Sind die Umgangsformen erst einmal geklärt, können Konflikte im Voraus vermieden werden – und der Weg ist frei für allerlei Erfahrungen. In Philipps WG lebten Mädchen wie Charlotte, die jeden Tag wortreich ihre Entdeckungen in der Stadt schilderte, Sofas von der Straße mit nach Hause brachte – getragen von Menschen, die sie angesprochen hatte. Da sie oft pleite war, putzte sie gegen Geld für die anderen mit, vermietete tageweise ihr Zimmer und schlief selbst auf der Wohnzimmercouch.

Oder die zwei Holländerinnen, die eine Tradition gemeinsamer Fahrradtouren einführten, die bis heute gepflegt wird. Eben die Art Studenten, von denen Philipp sagt, dass sie einen Arbeitstätigen vor der „Faulheitsfalle“ bewahren.

Es gab aber auch jene WG-Geister, die nur zu erahnen waren. Sind sie gerade zu Hause oder nicht? Die französische Medizinstudentin, die vor lauter Prüfungsstress immer dicker wurde und nie das Zimmer verließ. Das einzige Lebenszeichen war das alle zwei Tage leergegessene Maxiglas Schokoaufstrich. Oder die Amerikanerin, die momentan ein Zimmer bewohnt, kein Deutsch spricht und sich nicht an den Küchentisch setzt, wenn andere dort herumalbern.

„Ist doch okay“, sagt Philipp. Vielleicht ist es diese Gelassenheit, mit der man einen Besuch bei Iris Altheide vermeidet. Manche Studenten kommen direkt aus dem Elternhaus, müssen noch lernen, sich selbst zu organisieren oder den Putzplan einzuhalten. Da ist auch Nachsicht gefordert. Oft kann man sich in der Mitte treffen: Ich putze, du zahlst. Ich koche, du wäschst ab.

Sozialberatung von Iris Altheide im Studentenwerk, Thielallee 38

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