Zeitung Heute : Abwechslung suchen

Wie ein Partygänger Berlin erleben kann

Daniel Haaksman

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Letzte Woche, am zweiten Tag des Irak-Krieges, fragte ich mich an dieser Stelle: Kann man angesichts von Flächenbombardements über irakischen Städten überhaupt feiern gehen? Die Antwort dieser Frage überließ ich Ihnen. Ich habe letzten Samstag eine kleine Reise durch diverse Berliner Clubs unternommen, um mir ein Stimmungs-Bild zu machen. Tatsächlich herrschte überall ein ähnliches Bild: Im Big Eden: Leere. Im Dorian Gray: Gähnende Leere (und schlechte DJs). Im Fischers Fritz: Nichts. Und das alles an einem Samstagabend, in Berlin! Im „Watergate, auf der gegenüberliegenden Seite vom Fischers Fritz sah es ein bisschen voller aus, aber auch dort hatte der Samstag schon bessere Tage erlebt.

Am gleichen Abend telefonierte ich mit einem Freund in Frankfurt am Main, der dort als Partyreporter arbeitet. Er meldete: In Frankfurt sind die Clubs voll und es wird gefeiert, wie sonst auch. Diese Nachricht überraschte mich – sind die Frankfurter etwa gewissenloser? Oder heißt das vielleicht, dass ein Berliner Wochenende mit leeren Clubs nicht nur auf den Irak-Konflikt und die aktuelle Wirtschaftsmisere zurückzuführen ist, sondern vielleicht auch auf das eintönige Programm, das diese Clubs präsentieren? Machen es sich Berliner Clubs angesichts leerer Tanzflächen nicht zu einfach, wenn sie behaupten, es läge nur an den äußeren Umständen?

Gut möglich. Ein ähnliches Denken kennt man ja auch von der Musikindustrie, die ihre dramatischen Umsatzeinbußen ausschließlich auf CD-Brennerei und ein verändertes Konsumverhalten von Jugendlichen zurückführt und dabei ausblendet, dass unter dem jahrelangen Blick auf Profitmaximierung vor allem die Inhalte gelitten haben, also: Nicht mehr auf musikalische Qualität und Innovationen geachtet wurde und das der eigentliche Grund dafür ist, dass die Kids heute weniger Musik kaufen. Das gleiche gilt im Prinzip für die Berliner Clubs. Wenn sie Wochenende für Wochenende zehn Euro kassieren, und dafür die immer gleichen lokalen DJs präsentieren, keinerlei Überraschungen im Programm bieten, ist klar, warum die Partygänger ihr Geld lieber woanders ausgeben.

Machen wir heute Abend mal die Probe aufs Exempel und schauen was geht, wenn ein Club tatsächlich ein qualitativ gutes Programm anbietet, bei dem illustre DJ-Gäste aus anderen Städten eingeladen sind. Im Maria am Ufer gibt sich heute Abend nämlich das Hamburger Dub-Label Select Cuts die Ehre, das berühmt dafür ist, alte Reggae-Klassiker mittels Remix in die Jetztzeit zu transportieren. Mit dabei sind sowohl die DJs von Select Cuts als auch der Londoner DJ Nick Manasseh sowie der Berliner DJ Daniel Meteo mit MC Tikiman, den wir schon vor drei Wochen im WMF bei Richard Dorfmeister bewundern konnten.

Auch wenn Ihnen die Namen nichts sagen: Für Musikliebhaber und speziell Fans jamaikanischer Musik ist das ein Leckerbissen. So etwas kann man einen besonderen Abend nennen, für den es sich wirklich lohnt, auszugehen. Sehen wir uns?

Select Cuts Nacht im Maria am Ufer, Stralauer Platz 33-34, Friedrichshain, heute Abend, 23 Uhr.

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