Zeitung Heute : Abzocke oder kalkulierbares Risiko?

Der Tagesspiegel

Einige der Betroffenen waren zum Prozess gekommen. „Ich wollte eine ruhige und sichere Anlage“, sagte ein Mittfünfziger. Er habe zwar keine „so hohe Summe“ angelegt. Aber es waren die Ersparnisse, die nun „futsch“ seien. Seit gestern beschäftigt sich das Berliner Landgericht mit der Millionenpleite der „Finanz-Service-Beratungsgesellschaft Blaesing, Neider & Co (FSBG)“. Neben dem 48-jährigen Wolfgang Neider müssen sich seine Ehefrau und seine jetzige Lebensgefährtin Antje Blaesing wegen Betruges an mehr als 500 Kapitalanlegern verantworten. Im Prozess geht es um einen mutmaßlichen Schaden von knapp fünf Millionen Euro.

Doch das tatsächliche Ausmaß soll weitaus größer sein. Insgesamt seien 2400 Fälle mit einem Schaden von mehr als 12 Millionen Euro ermittelt worden, sagte Staatsanwalt Martin Laub. Aus prozessökonomischen Gründen sei die Anklage beschränkt worden. Die 1991 gegründete FSBG mit Sitz in Lichtenberg soll Geldanleger mit Zinsen von bis zu 9,9 Prozent pro Jahr gelockt, die Einlagen aber nicht investiert haben.

Während die Anklage davon ausgeht, dass das Geld von Neuanlegern zum Teil den Altanlegern ausgezahlt und damit nach dem so genannten Schneeballsystem betrogen wurde, hielt Neider am Rande des Prozesses dagegen: „Wir haben reichlich investiert, beispielsweise in Immobilien.“ Sein Verteidiger Gerd Stübing sprach von einem „kalkulierbaren Unternehmensrisiko“, über das die Anleger informiert gewesen seien. Die Staatsanwaltschaft aber habe sich wie die „Kavallerie Justiz“ aufgeführt. „Ohne ihr Eingreifen wäre die FSBG heute ein florierendes Unternehmen“, sagte Stübing.

Laut Anklage aber wurden die Geldgeber getäuscht. Bereits im ersten Jahr des Bestehens der Firma habe es Verluste in Millionen-Höhe gegeben. Die Angeklagten hätten ohne Rücklagen gewirtschaftet und die Gelder der Anleger für die Kosten des Unternehmens und für ihren eigenen Lebensunterhalt verbraucht. Wäre das Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen nicht nach der Beschwerde eines Anlegers Anfang 1999 eingeschritten, läge der Schaden inzwischen vermutlich bei 30 Millionen Euro, schätzte Laub. Nur in einem waren sich Verteidigung und Anklage einig: Die Aussicht auf schnelles Geld machte die Kapitalgeber leichtsinnig. Der Staatsanwalt drückte es vorsichtig aus und meinte, der Verstand sei „ein bisschen außen vor“ geblieben. Drastischer die Einschätzung eines der Verteidiger: Die Leute hätten „gezockt wie in der Spielhalle". Es sei kaum teure Werbung nötig gewesen. „Es ging von Mund zu Mund – einer bekam vom Kollegen den Tipp, der erzählte seiner Freundin davon und die ihrem Opa.“ Die Angeklagten bestreiten nach Auskunft ihrer Anwälte die Vorwürfe. Am Dienstag wollen sie sich vor Gericht äußern. Kerstin Gehrke

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