Zeitung Heute : Ach, sind die süß

Mag ich nicht, kenn’ ich nicht, ess’ ich nicht: Kinder haben einen ganz eigenen Geschmack. Und sie sind reaktionärer, als man denkt.

Katharina Rutschky

Wann immer tief gerührte Menschen sich um ein frisches Baby scharten, brachte mein Vater den Spruch an: „Und jetzt mit einem Sträußchen Thymian hinterm Ohr ab in den Backofen!“ Kleine Kinder sind eben nicht nur rührend, sondern auch süß und von Kopf bis zu den Füßchen und Händchen furchtbar appetitlich, zum Herzen und Knuddeln und Anbeißen verführerisch. Kein Wunder, dass der Kannibalismus in Mythen und Märchen sich auf Kinder bezieht und wohligen Schrecken auslöst, wenn man ihn heute wirklichen Kindern androht: „Jetzt fang ich dich, gleich hab ich dich und fresse dich!“

Ein todsicheres Spiel mit Kindern, die einen mögen. Gern lassen sie sich quietschend fangen, zerlegen, braten, würzen und fressen. Etwas anderes ist es, für oder gar mit Kindern zu kochen. Die Leute tun mir wirklich Leid, die gern kochen und gut essen, aber ausserdem auch noch Kinder haben, an deren Wohlergehen und Meinung ihnen auch liegt. Lässt sich ein Küchenzettel nach den Wünschen und den recht verstandenen Bedürfnissen von Erwachsenen und Kindern überhaupt aufstellen?

Die Sache mit den wahren Bedürfnissen erledigt sich ja spätestens in dem Moment, wo die Kinder das Neinsagen perfekt beherrschen. Kinderläden, die mit Vollwertkost werben, richten sich an verantwortungsbewusste Eltern, nicht an essende Kinder. Man muss abwägen; einerseits sind die Zeiten ja vorbei, wo das Spinatdiktat für ebenso wohltätig gehalten wurde wie die gegebenenfalls zu verabreichende Ohrfeige. Andererseits ist es möglich, Kindern eine Menge weis zu machen. Wer kennt nicht einen altklugen Fünfjährigen, der einem ungefragt erklärt, wie ungesund das Rauchen ist! Oder ein kleines Mädchen, das aus Tierliebe Vegetarierin geworden ist.

Süßer Glibber

Schon als ich 1969 im Kinderladen mein politisches Praktikum in antiautoritärer Kindererziehung absolvierte, fiel mir auf, dass Kinder vom Essen eine andere Vorstellung haben als wir Älteren. Sie spielen gern damit und führen sich, geht man nicht dazwischen, in Einzelfällen wie Schweine auf. Außerdem, so dämmerte mir damals bereits, ist es Zeitverschwendung, sich für sie beim Kochen zu verausgaben. Pommes frittes, Spaghetti, Würstchen können täglich, sogar mehrmals gereicht werden. Die amerikanischen Kettenrestaurants, welche die Kinderwünsche, nicht ihre wahren Bedürfnisse nach gesunder, abwechslungsreicher und ökologisch unbedenklicher Nahrung, bestens begriffen haben, gab es damals noch nicht in Berlin. Sonst hätten wir unseren Küchendienst schon damals einstellen und auf alle Auseinandersetzungen mit dem einen oder anderen Kind linksrevolutionärer Eltern verzichten können.

Außer für jenes Junkfood der Kettenläden interessieren sich Kinder noch für selbstgekaufte Süßigkeiten. Ganz besonders für solche, die mit einer Sammeltätigkeit verbunden sind oder aus Glibber bestehen. Alles in allem Sachen, die Erwachsene als ungesunde Geldverschwendung verteufeln und selbst nie und nimmer essen würden. Ausnahme vielleicht allein das Eis. Ist es den Erwachsenen nämlich endlich gelungen, die kennerhafte Freude am guten Essen und überlegten Kochen im Zuge der Ausdifferenzierung der Lebensinteressen in den Alltag zu integrieren, verstehen sie die Welt der Jungen nicht mehr so recht. Was essen die denn? Und mit Kindern klappt es gar nicht. Was die unter Essen verstehen, hat mit einem Kochen, das in irgendeine Richtung ambitioniert ist, nie und nimmer etwas zu schaffen. Genießt der ältere Mensch hier etwas, das dem jungen, sonst so beneideten Nachwuchs noch völlig verborgen ist? Ich meine ja.

Die These folgt aus den Erfahrungen, die ich als Köchin mit Kindern gemacht habe, die meine Gäste waren. Einmal hatte ich ein Schweizer Künstlerpaar zu Besuch, das mit einer bildschönen Tochter gesegnet war. Das Kind war fünf Jahre alt. Selbstverständlich macht man sich als Gastgeberin Gedanken, wie vier Erwachsene und ein Kind am besten unter einen Hut zu bringen sind. Ich entschied mich für Hühnchen an Kiwisauce. Einerseits ein originelles, andererseits ein auch dem Kindergaumen angemessenes mild-zartes Gericht, das außerdem leicht verdaulich, kalorien- und fettarm, dabei vitaminreich ist und auch in der Zubereitung nicht kompliziert. Füllt man bei einer Einladung nicht nur den Part der Gastgeberin, sondern auch den der Köchin aus, muss man ja auch daran denken, dass die ganze Kocherei und das Essen überhaupt, ja schließlich nur Mittel zum Zweck eines angeregten Gesprächs sein soll. Mein Kiwi-Hühnchen wurde aber kein Hit.

Die Mama versuchte dem Töchterchen zu erklären, was sie jetzt auch essen sollte und mit abwehrenden Blicken schon bedacht hatte. Hühnchen kennt die Romana, wenn auch in anderen Zusammenhängen. Auch Kiwis hat sie schon gegessen. Mit Engelszungen redete die Mama auf das schöne Kind ein. Romana nahm keinen Happen, legte sich aber voller Vertrauen in die Welt auf dem Sofa schlafen, während wir Erwachsenen zwei Meter entfernt lange lebhaft diskutierten.

Auf mich wirkt ein Misserfolg bei Kindern viel niederschmetternder als das Abwinken eines Essers vom Fach, der mir nach dem Tafelspitz erklärt, wie er in Joseph Roths „Radetzkymarsch“ richtig zubereitet wird. Evolutionsforscher werden sicher einmal herauskriegen, warum die Billigung von Kindern und Tieren auf Erwachsene – augenblicksweis jedenfalls – so wirkt, als würden sie heilig gesprochen.

In meiner Rolle als Köchin hatte ich das Vergnügen einer gewissen Heiligsprechung in all den Jahren meiner Küchenpraxis nur einmal, wenn ich ehrlich bin. Das Bild bestimmen die Niederlagen. Ganz schlimm jene tagelange, wo ich einen Teenager aus der tiefsten Provinz zu Gast hatte. Das Mädchen wollte unbedingt Berlin kennen lernen. Nach der langen Bahnreise gedachte ich Ilona mit meiner vielfach erprobten Honigfleischkasserole zu beköstigen. Das Gericht besteht aus Schweinefleisch, das gebraten und gepfeffert in Honig gewälzt wurde. Mit Kohlrabi, Ananas, grünen Erbsen und Sahne wird es vervollständigt. Dazu reicht man warmes (im Ofen aufgebackenes) türkisches Brot… Was soll ich um meine Niederlage weiter herumreden? Der Teenager bediente sich bei meinen immer vorrätigen Erdnüssen, trank zwei Glas O-Saft und ging schlafen. Man kann sich leicht ausmalen, welche Probleme ich als Köchin in den folgenden Tagen vergeblich zu lösen versuchte! Kinder sind nicht bloß primitive, sie sind auch konservative, ja reaktionäre Esser. Ihre Devise: Mag ich nicht, kenn ich nicht, ess ich nicht! Ilona mochte nicht einmal Spaghetti mit frisch geriebenem Parmesan – das kannte sie ebenso wenig wie einen echten Sugo bolognese.

Noch schlimmer als für, ist es für eine Köchin, mit Kindern zu kochen – obwohl solche praktischen Übungen ja nach PISA Eltern wegen der vielfachen sprachlichen und technischen Trainingsmöglichkeiten sehr angeraten werden. Man muss entschieden unter Niveau kochen. So viel Selbstverleugnung tut wohl weder dem Essen noch den Kindern gut.

Gulasch mit Gusto

Andererseits habe ich mit Kindern auch schon Überraschungen erlebt. Zur letzten Bundestagswahl kochte ich für unsere Wahlparty den interessanten Witzigmann-Gulasch. Nach den ersten Hochrechnungen verging den Party-Teilnehmern der Appetit. Bedrückt verabschiedeten sie sich früh, und ich musste meinen Gulasch in Tupperware abfüllen und verteilen; denn ein Eimer auch des feinsten Witzigmann-Gulaschs hätte meine Planwirtschaft über Gebühr strapaziert. Ob es nun an der Erleichterung darüber lag, dass unsere Wahlparty sich von Hochrechnungen vorschnell hatte irre führen lassen, oder ob der Witzigmanngulasch trotz seiner Tiefenschärfe und Würzigkeit auch kinderkompatibel ist – ich will es nicht entscheiden. Jedenfalls rief mich am nächsten Abend die Mutter der gerade zweijährigen Anna an. Am Wahltag hatte sie mir noch erklärt, dass sie sich zwar noch keine Sorgen mache, aber Anna esse wirklich schlecht. Nun hatte sie grade, entgegen jeder Intuition, die feinen Kindergaumen scharfe Speisen widerraten soll, einen ganzen Teller Gulasch mit Gusto verspeist.

Mir gab das doch zu denken. Ob einmal Kinder heranwachsen, die die Kreuzberger haute cuisine zu schätzen wissen? Schließlich kriegt man inzwischen ja auch in jeder Eckkneipe heute einen trockenen Wein und nirgends mehr (für Damen) das liebliche Moseltröpfchen.

Die Autorin Katharina Rutschky berichtet hier in loser Reihenfolge aus ihrer Kreuzberger Küche.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben