Zeitung Heute : Acht Minuten und ein halbes Jahr

Was die Heimat von 16 000 Menschen war, ist heute ein weißer Fleck. Der Tsunami hat Otsuchi ausgelöscht. Sechs Monate später versuchen die wenigen verbliebenen Bewohner zur Normalität zurückzukehren. Ein langer Weg, auf dem die Erinnerungen an den 11. März verstreut liegen wie Stolpersteine

Jesper Weber[Iwate]
Weggeräumt. Bis auf einige Betonbauten mit tiefen Fundamenten wurde Otsuchi vom Tsunami vollständig zerstört. Keine andere Stadt hat es so hart getroffen. Fotos: Reuters
Weggeräumt. Bis auf einige Betonbauten mit tiefen Fundamenten wurde Otsuchi vom Tsunami vollständig zerstört. Keine andere Stadt...Foto: picture alliance / dpa

Fliegen, Fliegen, überall Fliegen. Seit dem Ende der Regenzeit und mit Beginn des Hochsommers mit Temperaturen über 30 Grad wimmelt es von Fruchtfliegen, fetten Brummern von über einem Zentimeter Länge, weitaus mehr als je zuvor beobachtet. Dabei riecht es gar nicht nach dem, was Fliegen anziehend finden.

Vor ein paar Wochen erst hat man die Leiche des Bürgermeisters gefunden. Sie lag in einem Haufen Fischmüll, niemand hatte sie bemerkt. Sein Rathaus gibt es nicht mehr. Es wurde hinfortgespült am 11. März dieses Jahres, als ein Erdbeben der Stärke 9,0 Japan erschütterte, ein Tsunami die nördliche Ostküste überflutete, Häuser mit sich riss, Autos, Schiffe – und tausende Menschen wie den Bürgermeister von Otsuchi. Die kleine Küstenstadt wurde von der großen Welle fast restlos zerstört, sie gilt als am stärksten betroffene Stadt in der Iwate-Region. Dabei sind viele Orte zu weißen Flecken geworden, versteckt unter den weißen Zetteln, die man im Bahnhof der Kreisstadt Tohno im Landesinneren auf die Tafel mit den Fahrpreisen und dem lokalen Liniennetz geklebt hat. Es heißt: kein Zug fährt dorthin. Aber es bedeutet auch: diese Orte existieren eigentlich nicht mehr.

Trotzdem leben dort Menschen. Bewohner, die versuchen, ein halbes Jahr nach dem Unglück, zurückzukehren zur Normalität. Es ist ein langer Weg. Einer, auf dem die Erinnerungen an den 11. März verstreut liegen wie Stolpersteine. Eine Leiche in einem Haufen Müll, Reste von Häusern, Schutt – und wieder und wieder das Rütteln der Erde, das hier immer noch Nachbeben genannt wird, am vergangenen Donnerstag zuletzt. Da erreichten die Erdstöße immerhin eine Stärke von 6,8 auf der Richterskala.

Aber die Japaner haben eine eigene Skala. Auf der, die bis 7 geht, hat das Beben vom Donnerstag die Stufe 5 erreicht. Schon die Definition von Intensität 4 durch die Japanische Meteorologische Agentur bedeutet, dass beinahe alle Menschen Angst empfinden und sich instinktiv in Sicherheit bringen wollen, indem sie beispielsweise unter einen Tisch kriechen. Schlafende werden nachts wachgerüttelt, auf der Straße kann man mit bloßem Auge sehen, wie Strommasten und Bäume wackeln, im Haus können eventuell einige Möbel umfallen.

In der Präfektur Iwate aber haben sie sich an die Nachbeben fast gewöhnt. Ihr Problem ist dieser Tage ein anderes: Es fehlt an Fliegenklatschen, banalen Dingen, nachdem in mühevoller Arbeit in den vergangenen Monaten die gelieferten Hilfsgüter verteilt, viele provisorische Unterkünfte aufgebaut und bezogen worden sind. Die Turnhallen, in denen die plötzlich obdachlos Gewordenen eine erste Zuflucht fanden, leeren sich langsam. In Otsuchi sind von 300 Turnhallenbewohnern nur noch 60 nicht woanders untergekommen.

Wer die Möglichkeit hat, zieht jetzt in eine der provisorischen Wohneinheiten. Einige von ihnen wurden von Zimmermännern errichtet, sie wirken solide und fugendicht. Ein Großteil aber ähnelt umfunktionierten Frachtcontainern, in die Fenster gefräst wurden. Die Hitze darin, sagen jene, die in diesen Containern wohnen, sei schier unerträglich. Aber was sollen sie tun? Wo sonst hin? Ob die zerstörten Orte, die sie ihre Heimat nannten, je wieder aufgebaut werden, ist nicht geklärt. Denn viele der überschwemmten Gebiete werden nach dem Unglück im März als zu gefährlich eingestuft und dürfen vielleicht gar nicht wieder besiedelt werden. Da selbst die höchsten Tsunami-Schutzmauern der Welt nicht ausgereicht haben, das Wasser abzuhalten, ist Technik vielleicht nicht die richtige Antwort.

Otsuchi liegt am Rand einer Bucht. Auf Amateuraufnahmen ist zu sehen, wie sich die Flutwelle erst als schmaler, weißer Saum am Ausgang des Fjords zeigte, wie das Wasser im Hafen zu gurgeln begann und sich Strudel bildeten. Wie es schnell anstieg, die Kaianlagen überspülte und den mit Betonmauern befestigten Fluss, der durch die Stadt führt, wie eine Rutsche aufwärts raste. Bald schon schien es in den Ort hinabzufallen, so sehr staute sich das Wasser in dem engen Tal. Und als schon die Reste dessen, was einmal Otsuchi gewesen waren, auf das Meer hinaustrieben, da beobachteten ausländische Tierschützer von einem Hügel aus, wie eine zweite Walze heranrollte. Die Menschen hatten acht Minuten Zeit, sich nach dem Beben in Sicherheit zu bringen. Wer sollte dort wieder siedeln wollen, wenn so viele der Bewohner gar nicht mehr am Leben sind?

Auf dem Weg entlang der Küste bieten sich auch ein halbes Jahr nach dem Unglück Bilder der Verwüstung. Unbewegt thront noch immer der Container-Frachter „Asia-Symphonie“ auf der Pier der Hafenstadt Kamaishi, einige Kilometer südlich von Otsuchi. Der Wulst vom Bug hat die Hafenmauer durchbrochen und verengt die Straße auf eine Spur. Von der Regierung war zwar Weisung ergangen, das 6000-Tonnen-Schiff bis Ende Juni zu beseitigen, aber weder die Reederei in Panama noch sonst wer hat reagiert.

So ist der große Frachter in diesen Sommerferien zu einer Touristenattraktion geworden. Während die Berichterstattung über das Erdbeben und seine Folgen langsam von den Titelseiten der Tageszeitungen verschwindet, reisten Eltern an, um Töchtern und Söhnen zu zeigen, wie groß und zerstörerisch die Kraft eines Tsunami sein kann.

Seit mehreren Jahrhunderten schon steht das Haus des Sozialdezernenten Maruki in Kamaishi an derselben Stelle. Es ist dokumentiert, dass es in den Jahren 1896 (Beben der Stärke 8,5 mit 21 959 Opfern) und 1933 (Beben der Stärke 8,1 mit 23 064 Opfern) nach einem Tsunami und 1943 nach Brandbomben wieder aufgebaut werden musste. Für Herrn Maruki ist es Teil des Lebens in Kamaishi, die Habe zu verlieren und anschließend wieder neu anzufangen. Er sagt, dass er am gleichen Ort wieder alles aufbauen möchte, spricht davon, es schnell zu tun, davon, dass doch Stahlbetonbauten mit tiefem Fundament den Tsunami am Hafen überstanden hätten und man in den unteren Etagen durchaus Firmen und Geschäfte unterbringen könne. Boote aber gibt es nicht mehr – Fischer und Anbauer von Wakame-Seetang richten sich auf eine lange Durststrecke ein.

Marukis Frau aber, die in Kunitachi bei Tokio aufgewachsen ist, möchte am liebsten auf den nahen Berg ziehen.

Es ist ein Berg, der vielen Bewohnern an der Küste im März das Leben rettete, in Otsuchi 17 Kindergartenkindern. Eine Erzieherin im Osanago-Kindergarten erzählt spontan, wie sie mit ihren Schützlingen, die nach dem Beben gerade auf den Bus warteten, auf den Berg flüchtete und sie von dort zusahen, wie das Wasser Autos und Häuser verschluckte; wie sie frierend dem Schneefall trotzten und schließlich von Nachbarn ins Haus gebeten wurden, wo nur noch Platz zum Stehen war; wie sie nachts um elf Uhr, nachdem die Flut sich zurückgezogen hatte, vom Berg steigen mussten, weil das Feuer sich den Hang entlang auf sie zu fraß; wie sie die Kinder über Schutt und Schlamm ins Notaufnahmelager brachten und dort drei Tage betreuten; wie sie bei den Aufräumarbeiten im Garten vier Leichen und im Schlamm viele abgerissene Körperteile fanden. Sie trägt die Geschichte mit sich herum wie etwas, das sie nicht zurückhalten kann. Und die abgebrannten Bäume auf dem Berg in der Nähe erinnern sie täglich daran, wie knapp es war.

Auch der Midori-Kindergarten im Ort wurde zerstört. Auch dessen Leiter Eikoh Sasaki erzählt. Der schrille Dauerton der Warnsirenen. Zwei Busfahrer auf Leerfahrt, die das richtige taten. Explodierende Propangasflaschen. Das Wasser im Kindergarten, das vier Meter hoch bis zur Hälfte des ersten Obergeschosses stieg. Die Kälte der Nacht. Kinder, die zu zweit oder zu dritt in die wenigen Decken gewickelt wurden, um sich gegenseitig zu wärmen. Tagelang hielten die Entkommenen in einer Schule aus, unerreichbar für die Helfer, sämtliche Zufahrtswege waren verschüttet.

All das kann Herr Sasaki nur unter Tränen berichten. Was er mit keinem Wort erwähnt, ist die Tatsache, dass seine Eltern weiterhin vermisst werden. Er ist mit 45 Jahren unverheiratet und muss den Wiederaufbau und die Trauerarbeit alleine bewältigen.

Menschen wie Herr Sasaki ähneln dem Strandgut, das die Welle irgendwo losgerissen und irgendwo anders, wie der Zufall es wollte, wieder abgesetzt hat. In seinem Fall in einer Turnhalle, in der er bis heute lebt. Sein Kindergarten hat als Ausweichquartier ein Nebengebäude der Schule bezogen. Von vorher über 70 Kindern kommen jetzt 48. Beim Wiederaufbau wird der Staat 50 Prozent subventionieren, die restlichen 50 Prozent sind Eigenleistung. Von den Eltern der 48 Kinder aber kann Eikoh Sasaki keine Gebühren fordern. Moralisch schafft er das nicht, weil er weiß, dass sie zum Großteil in der gleichen Turnhalle schlafen wie er und alles verloren haben. Wie sollen sie da die umgerechnet 100 Euro aufbringen? Ihre Kinder müssen sie aber tagsüber abgeben, um auf Arbeitssuche und zu Ämtern zu gehen.

Im benachbarten Kamaishi werden die Gebühren für Hort und Kindergarten für ein Jahr von der Stadt übernommen. Aber dort gibt es auch eine Verwaltung. In Otsuchi nicht.

Die Kinder in den Städten Otsuchi und Kamaishi sind noch immer verängstigt, fürchten sich jedes Mal, wenn die Erde bebt. Und das geschieht oft. In der vergangenen Woche erging  sofort eine Tsunami-Warnung, eine halbe Stunde später wurde sie aufgehoben. Nichts geschah. Wie sonst üblich vor dem 11. März.

Zwei Tage zuvor hatte Japan trotz Protesten in der Bevölkerung den Atomreaktor im Kernkraftwerk Tomari für den Betrieb freigeschaltet. Es ist der erste Reaktor, der nach der Katastrophe im Kernkraftwerk Fukushima ans Netz geht. Japan leidet noch immer unter Engpässen in der Stromversorgung. Weil Tomari zum Zeitpunkt des Bebens im Probebetrieb war, gilt der Wechsel zum kommerziellen Betrieb nun nicht als Neustart.

Und im kleinen Ort Otsuchi haben die Kinder ein neues Spiel. Eines das gruselig ist und aufregend zugleich. Sie rufen: „Wer-hat-Angst-vor-dem-Tsunami?“

Dann rennen sie.

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