Zeitung Heute : Achtung, Drohnalisten am Himmel

Unser Kolumnist Harald Martenstein, mehr von ihm hier.
Unser Kolumnist Harald Martenstein, mehr von ihm hier.Zeichnung: Tsp

Manche Leute sagten, um das Jahr 2013 herum: Wer nichts zu verbergen hat, der hat auch nichts zu befürchten. Wer korrekt seine Steuern zahlt, dem kann es doch egal sein, wenn das Bankgeheimnis abgeschafft wird. Wer nichts Illegales tut, der kann auch nichts dagegen haben, wenn Geheimdienste und Werbeindustrie seine E-Mails lesen. Wer nicht die Absicht hat, jemanden zu überfallen, der muss sich doch freuen über jede Videokamera auf der Straße. Wenn auch nur ein einziger Terroranschlag auf diese Weise verhindert wird, dann ist es doch sinnvoll. Jeder Mensch will, dass die Polizei ihn oder sie vor Verbrechen schützt. Die Verbrecher nutzen alle technischen Möglichkeiten. Damit die Polizei Schritt halten kann, muss sie ebenfalls alle Möglichkeiten nutzen. Wer Sicherheit will, muss bereit sein, auf Freiheit zu verzichten. An jedem dieser Argumente ist etwas dran.

Zwanzig Jahre später war festzustellen, dass sich, wie immer in der Geschichte, die Kriminellen auf die neuen Möglichkeiten von Polizei und Geheimdienst eingestellt hatten. Sie operierten in kleinen, autonomen Zellen, ohne Internet, das hatte sich übrigens schon um 2000 herum abgezeichnet. Der DDR war es nicht gelungen, mit Hilfe der Stasi die Opposition abzuschaffen. Die gleiche Erfahrung machten inzwischen die Geheimdienste, die Polizei und die Steuerfahnder: Das Verbrechen verschwand einfach nicht. Das Verbrechen war kreativ.

Der Alltag war trotzdem anders geworden. Ein wichtiger Bestandteil des Alltags waren Drohnen. 2013 wurden zum ersten Mal von Journalisten Drohnen eingesetzt, kleine, unbemannte Flugkörper mit Kameras, über dem Gezi-Park von Istanbul. Sie filmten den Polizeieinsatz. Es gab ein neues Wort: Drohnalismus. Zuerst arbeiteten Netzreporter mit Drohnen, dann auch Boulevardzeitungen. Wenn ein Prominenter Hochzeit feierte, dann kreisten über dem Fest Drohnen und filmten. Viele Prominente installierten in ihren Gärten Flugabwehrgeschütze. Aber seit es Drohnen auch in den Baumärkten zu kaufen gab, betraf das Problem alle. Die Drohnen wurden immer kleiner, sie drangen durch Schlüssellöcher in Wohnungen ein.

Im Netz fischten der Geheimdienst und die Werbeindustrie, auf den Plätzen standen Kameras, am Himmel zogen Drohnalisten sowie neugierige Nachbarn ihre Kreise. Einige Menschen flüchteten in die Wälder oder in Höhlen, um dort ungestört leben zu können. Das galt als illegal. Ein neues Delikt wurde ins Gesetzbuch aufgenommen: Datenhinterziehung.

Das ist nicht alles erfunden. Den Einsatz von privaten Drohnen gibt es bereits, auch das Wort „Drohnalismus“ gibt es bereits. Vor allem aber gibt es die Idee, dass man mit Hilfe totaler Überwachung totale Sicherheit schaffen könnte. Sie ist falsch.

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