Zeitung Heute : Achtung, Freunde

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Von Malte Lehming, Washington

Es wird schon nicht so schlimm: Meistens stimmt dieser Satz, wenn Schreckensvisionen beschworen werden. Albträume werden nur selten wahr. Doch diesmal stehen die Chancen schlechter. Der Besuch des amerikanischen Präsidenten George W. Bush in Berlin könnte zum Fiasko werden. Das schlimmste Szenarium nimmt aus deutscher Sicht folgenden Verlauf: Bei den Anti-Bush-Protesten kommt es zu Ausschreitungen, bei der Rede vor dem Deutschen Bundestag bleiben mehrere Abgeordnetenstühle leer, die Kontroverse um antisemitische Äußerungen innerhalb der FDP eskaliert. Sollten diese drei Ereignisse eintreten, wäre der diplomatische Super-Gau erreicht. In den amerikanischen Berichten über die Reise und den Empfang würde das Image der Bundesrepublik auf einen neuen Tiefpunkt sinken. Der Tenor ließe sich auf die kurze Formel bringen: Die Deutschen sind gewalttätig, als Gastgeber undankbar und respektlos, ihr Antisemitismus ist immer noch vorhanden.

George W. Bush kann eine solche Wahrnehmung egal sein. Aus amerikanischer Sicht ist Deutschland ein zwar wichtiger, aber nicht unerlässlicher Partner, auch wenn man das in Berlin offiziell anders sehen muss. Der Besuch in Berlin, sein erster in Deutschland überhaupt, ist die kürzeste Etappe während der knapp einwöchigen Europareise.

In Russland spielt die Musik

Weitaus mehr Zeit nimmt sich der US-Präsident in Russland und Frankreich. Auch in diesen beiden Ländern war er nie zuvor, doch beide sind Atommächte und ständige Mitglieder im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen. Und besonders in Moskau spielt derzeit die Musik. Bush und Kremlchef Wladimir Putin sind Freunde geworden. Die Intensität ihrer Beziehung wird am kommenden Freitag mit der Unterzeichnung des „Vertrags von Moskau“ zelebriert. Darin verpflichten sich Amerika und Russland, die Zahl ihrer Nuklearsprengköpfe bis zum Jahr 2012 um zwei Drittel zu reduzieren. Der Vertrag ist nur drei Seiten lang und wurde in Monaten, statt vielen Jahren ausgehandelt. Allein das signalisiert, wie eng und vertrauensvoll die Zusammenarbeit geworden ist.

Begleitet wird Bush von seiner Frau Laura, Außenminister Colin Powell und Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice. Auch in Paris und Rom wird die Delegation voraussichtlich herzlich empfangen. Denn innerhalb Europas haben die Italiener das positivste, die Deutschen das negativste Bild von Bush. Nur 19 Prozent der Bundesbürger geben dem US-Präsidenten laut einer Forsa-Umfrage gute Noten. Die Hälfte hält Bush für unfähig oder sogar gefährlich.

Diesem Eindruck soll in Berlin entgegengewirkt werden. Als erster amerikanischer Präsident wird Bush im Reichstagsgebäude vor dem Parlament sprechen. Es soll eine transatlantische Grundsatzrede werden, die einzige programmatische Rede während der gesamten Reise. Bush will an seine Warschauer Rede vom 15. Juni 2001 anknüpfen. Darin hatte er gleiche Chancen und Sicherheit „für alle neuen europäischen Demokratien zwischen der Ostsee und dem Schwarzen Meer“ gefordert. Betont werden sollen allerdings auch die Werte, die Amerikaner und Europäer verbinden.

Bush werde in Berlin die „große Gelegenheit“ nutzen, sagte am Donnerstag ein Beamter in Washington, um die transatlantischen Gemeinsamkeiten herauszustreichen. Während des Kalten Krieges sei „Berlin ein Symbol der Freiheit“ gewesen, dann wurde es zum Symbol „des vereinten Deutschland und vereinigten Europas".

Nur ein Achselzucken

Auf die Frage, ob das Weiße Haus bekümmert darüber sei, dass Bush ausgerechnet in dieser Stadt von den ersten großen, gegen ihn persönlich gerichteten Demonstrationen seiner Amtszeit empfangen wird, zuckte der Beamte etwas sprachlos die Schultern. „So etwas passiert in Demokratien“, sagte er.

Weniger gelassen sind allerdings die deutschen Diplomaten in Washington. Ihnen kann es nicht egal sein, wenn das Deutschlandbild in Amerika ramponiert wird, der amerikanische „Anti-Europäismus“ (Joschka Fischer) immer stärker zunimmt. Zumal die Zusammenarbeit auf Regierungsebene, wie es heißt, bemerkenswert gut funktioniere. Selten zuvor habe es Zeiten gegeben, „in denen es in Fragen der operativen Außenpolitik so wenig transatlantische Differenzen gab wie heute".

Man sei sich einig über die Rolle Russlands, das weitere Vorgehen in Afghanistan, auf dem Balkan und im Nahen Osten. Die offenen Fragen - Stichworte: Irak, Handelspolitik, internationale Verträge – würden im Geiste der Kooperation und Freundschaft besprochen. Der durch die „veröffentlichte Meinung“ geschürte Eindruck eines transatlantischen Auseinanderdriftens sei schlimmer als die Realität.

In Moskau bejubelt, in Berlin verachtet: Der Kalte Krieg ist tatsächlich vorbei. Aus dem „Reich des Bösen“ strömt heute Herzlichkeit, auf der „Insel der Freiheit“ werden antiamerikanische Ressentiments geschürt. Einen nachhaltigen Eindruck auf die US-Regierung werden die Proteste nicht machen. Sie könnten im Weißen Haus höchstens das Gefühl verstärken, die Russen seien inzwischen verlässlichere Partner als die Europäer. Die Scherben eines diplomatischen Super-Gaus müssten in Berlin zusammengekehrt werden, nicht in Washington.

Die Reporter von CNN sondieren bereits seit Tagen in Berlin das Terrain. Sie sind bereit für die Bilder der Gewalt. Nächtliche Krawalle würden in Amerika die Abendnachrichten beherrschen. Seine Grundsatzrede dagegen hält der Präsident um acht Uhr morgens, amerikanischer Ortszeit.

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