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„Sprecht ihn sofort heilig“: Rom bereitet Johannes Paul II. einen stürmischen Abschied

Paul Kreiner[Rom]

Schon um fünf Uhr morgens schälen sie sich aus ihren Schlafsäcken. Übernachtet haben sie, flächendeckend, auf den Straßen um den Vatikan herum und den nahen Tiber entlang, Verkehrsinseln haben sie in Campingplätze verwandelt. Nun entfalten sie ihre Fahnen, die weiß-roten, die polnischen vor allem, und drängen auf den Petersplatz. Tausende, Zehntausende, junge Leute zumeist, die in den Tagen zuvor durch halb Europa angereist sind, wollen nun wenigstens einen Platz bekommen. Sie wollen auf jeden Fall dem Papst – ihrem Papst – das letzte Mal nahe sein.

Und da ist er. Zwölf Männer mit dunkelgrauen Anzügen und weißen Handschuhen haben ihn aus dem Petersdom getragen. Sie haben den Sarg vor dem Altar abgestellt, auf dem Boden, nicht auf einem Podest. Früher hat Johannes Paul II. von hohen Bühnen herab gepredigt oder – hoch über dem Petersplatz – vom Fenster seines Arbeitszimmers aus gesegnet. Jetzt schaut die Welt auf ihn herunter: Die Politiker aus aller Herren Länder, rechts vom Altar, die Bischöfe links, die rot gewandeten Kardinäle vor der Fassade des Petersdoms und die Hunderttausenden auf dem Platz. Sie schwenken ihre Fahnen, und der Jubel ist der gleiche wie eh und je: „Giovanni Paolo! Giovanni Paolo!“, „Es lebe der Papst!“, ruft es aus der Menge, und immer wieder branden die Sprechchöre auf: „Santo! Santo!“ – „Heilig! Heilig!“

13 Mal muss Kardinal Joseph Ratzinger, der den Trauer- oder besser Festgottesdienst leitet, seine Ansprache unterbrechen, weil ihm der Applaus dazwischenfährt. Johannes Paul II., sagt Ratzinger auf Italienisch, habe „sein Leben nicht geschont, sondern es bis zum letzten Moment hingegeben für Christus und für uns“. Und er fährt fort: „Die Liebe Christi war die dominierende Kraft unsereres geliebten Heiligen Vaters; wer den Papst beim Beten gesehen hat, wer seine Predigten gehört hat, der weiß das. Und so hat er dank der tiefen Verwurzelung in Christus eine Last getragen, die über rein menschliche Kräfte hinausgeht.“

Dann grüßt Ratzinger die Jugendlichen, die der Papst zur „Zukunft und Hoffnung der Kirche“ erklärt habe, und der Platz dankt mit einem Beifallssturm. Und ein einziges Mal erlaubt sich selbst der sonst so kühle oberste Glaubenshüter der katholischen Kirche einen Ausflug in die Gefühlsrhetorik. Mit dem Arm weist er auf das geschlossene Fenster im Apostolischen Palast: „Wir können sicher sein, dass unser geliebter Papst jetzt am Fenster des himmlischen Vaters steht, uns sieht und segnet.“ Applaus rauscht über das weite Oval, und viele, Frauen wie Männer, wischen sich Tränen aus den Augen.

Schlicht ist der Sarg aus rötlich-braunem Nussbaumholz; er trägt keinen Namen und als Verzierung lediglich das Kreuz mit dem großen „M“ darunter, mit dem Johannes Paul II. seine Hingabe an Maria zeigen wollte. Umso bild- und farbenkräftiger die Zeremonie als solche: Auf dem Sarg liegt ein aufgeschlagenes Evangelienbuch – ein schlichtes, aber sprechendes Symbol, das Paul VI. in den 70er Jahren „erfunden“ hat, als er den barocken, schwülstigen vatikanischen Beerdigungsritus aufs Wesentliche verschlankte: Das Evangelium sollte der frischen Luft ausgesetzt werden; der Wind sollte durch die Blätter fahren, die „Lebendigkeit“ der Heiligen Schrift und das „Wehen des Heiligen Geistes“ verdeutlichen – aber jetzt, zum Abschied von Johannes Paul II., erlaubt sich der Wind eine eigenwillige, vorerst rätselhafte Interpretation: Er blättert im Buch und schlägt es am Ende zu.

Und er weht die Kardinäle durcheinander. Die roten Messgewänder bauschen sich auf, die Mitren und die roten Käppis können oft nur mit entschlossenem Griff gegen den Abflug gesichert werden, und irgendwann verweht es sogar den Auferstandenen, der als Riesengobelin vor dem roten Samtvorhang des Petersdoms hängt.

Die Geistlichkeit der Welt ist hier versammelt, neben den katholischen Priestern und Bischöfen die noch farbenprächtigeren Patriarchen der orientalischen und der orthodoxen Kirchen: wallende weiße Bärte, Kronen, turbanartige oder zylinderförmige Kopfbedeckungen in Schwarz, Violett und Blau; in der Hand halten diese Patriarchen die Zeichen ihrer Würde: Schlüssel oder Ikonenkreuze.

Und gegenüber, auf der rechten Seite des Altars, setzen sich die Farben fort: Da sitzen die Vertreter der Weltreligionen und die Politiker – ganz in Weiß ein Sikh mit Turban und einem reich ornamentierten Langschwert, daneben in Orange ein buddhistischer Mönch mit Fächer; Abgesandte der islamischen Gemeinde Roms in Grün, arabische Minister mit dem Kopftuch der Scheichs, und – um ihren Präsidenten Mohammed Chatami herum – in erdbraunen Kaftanen die offizielle Gesandtschaft aus Iran.

Eine solche globale Beerdigung, sagen sie in Rom, habe es noch nirgendwo gegeben. Zu den Tausenden auf dem Platz, die neben den polnischen auch noch kroatische, argentinische, litauische, spanische, deutsche, nigerianische, brasilianische, slowakische, mexikanische, amerikanische Fahnen schwenken, sind 200 politische Delegationen angereist. Jetzt sitzen sie alle durcheinander, Gekrönte neben Gewählten, Freund neben Feind – das vatikanische Protokoll hat da seine ganz unbefangenen, eigenen Regeln. Die Sitzordnung wurde durch das Alphabet der Staatsnamen auf Französisch, der Sprache der Diplomatie, bestimmt. So sitzt der Staatspräsident von Frankreich, Jacques Chirac, direkt neben George W. Bush, dem Präsidenten der „Etats Unis“, nur getrennt von Bernadette Chirac und Laura Bush. Vor dem US-Präsidenten hat der spanische König Juan Carlos Platz genommen, dahinter der simbabwische Staatschef Robert Mugabe, der trotz eines Einreiseverbots der EU nach Rom gekommen war. Zwei Sitze weiter: Prinz Charles, an dem Tag, der eigentlich sein Hochzeitstag sein sollte. Immerhin bleibt Bush aber auch eine Peinlichkeit erspart: Chatami ist für Bush außer Reichweite. Den Friedensgruß, der zur katholischen Messfeier gehört, muss er mit ihm nicht austauschen. Überhaupt blenden die vatikanischen Kameras bei diesem Friedensgruß taktvoll von den Politikerrängen weg. Erst anschließend meldet das israelische Radio, Israels Staatspräsident Mosche Katsav habe bei diesem Gottesdienst zum ersten Mal dem syrischen Präsidenten Baschar Assad die Hand gereicht – und auch dem Iraner Chatami.

Immer wieder blendet das Fernsehen hinüber zu den anderen Plätzen Roms: 27 Großleinwände hat die Stadt aufstellen lassen – vor dem Kolosseum, im Olympiastadion, im Circus Maximus und weit draußen, vor den Toren Roms, auf dem großen Universitäts- und Freigelände Tor Vergata. Ziel ist es, die Massen zu entzerren, aber dann – ungeachtet der Aussicht, in einer der engen Seitengassen stecken zu bleiben – drängt doch etwa die Hälfte in Richtung Petersplatz. Und an den Straßen notieren Verwaltungsangestellte aus anderen europäischen Großstädten eifrig, wie Rom diesen Andrang so souverän, so unfallfrei bewältigt.

Auf dem Platz wird, als ein Höhepunkt der fast dreistündigen Messe, die Evangeliumsstelle gelesen, die klassisch ist für das Selbstverständnis der Päpste. Johannes Paul II. hat sich mit ihr förmlich identifiziert. Dreimal fragt Jesus darin den Hauptapostel Petrus: „Liebst du mich?“ Und Petrus, der unter der immer bohrenderen Frage schier zusammenbricht, weil er zuvor ebenfalls dreimal jede Nähe zu diesem Jesus abgestritten hatte, antwortet: „Du weißt es doch...“ Dann bekommt er den Auftrag: „Weide meine Schafe.“

Etliche Kardinäle nicken. Und es nicken noch mehr, als sie den Text in seinem weiteren Verlauf genau auf Johannes Paul II. gemünzt sehen: „Als du jung warst“, sagt Jesus, „hast du dich gegürtet und bist gegangen, wohin du wolltest. Jetzt, im Alter, wird ein anderer dich gürten und führen, wohin du nicht willst.“ Es ist der Hinweis auf die Krankheit, die Hinfälligkeit, das Martyrium – nach dem Leidensweg Johannes Pauls II. sind die Hunderttausenden überzeugt, dass sie in ihm einen Heiligen getroffen haben. Und noch einmal branden die Sprechchöre auf, wieder und wieder: „Santo! Santo!“, „Santo subito!“ – „Sprecht ihn sofort heilig!“ Und Schlag zwölf Uhr, als die Messe in ihren großen Teilen zu Ende ist und – wäre alles wie immer – der Papst zum Mittagsgebet an seinem Fenster erscheinen müsste, da werden die Sprechchöre und Beifallsstürme so heftig, dass Kardinal Ratzinger die Zeremonie für fast zehn Minuten unterbrechen muss.

Doch dann lässt das Abschiednehmen sich nicht mehr aufhalten. Johannes Paul II., Karol Wojtyla, liegt in seinem dreifachen Sarg – innen Zypressenholz, dann Zink, dann Nussbaum. In der Stille der päpstlichen Familie haben sie ihn zuvor von der Bahre im Petersdom umgebettet. Der päpstliche Zeremonienmeister hat ihm ein weißes Seidentuch aufs Gesicht gelegt: Der Blick sei der Welt entzogen, besagt das, er möge dafür nun Gott schauen. Sie haben ihm nach uraltem vatikanischen Brauch ein Säckchen mit Bronze- und Silbermünzen in den Sarg gelegt, jene, die Johannes Paul II. in seiner Amtszeit hat prägen lassen. Und sie haben ein versiegeltes Bleirohr dazu gesteckt, mit einem Dokument darin, das für die Nachwelt das Leben und die Werke Johannes Pauls II. festhält.

Nun stehen die 140 Kardinäle zu beiden Seiten des Sarges; die griechisch-katholischen Bischöfe singen einen langen Hymnus über Tod und Auferstehung, Weihrauchwolken steigen auf. Dann ziehen die Kardinäle ins Dunkel des Petersdoms, die schwere Totenglocke läutet, und die zwölf Träger kommen wieder. Sie nehmen den Sarg auf die Schulter; unter dem roten Samtvorhang drehen sie ihn noch einmal zum Volk. Applaus, langer Applaus und viele Tränen. Dann wird Johannes Paul II. in einer stillen Gruft bestattet.

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