Zeitung Heute : Ade, Deutschland AG

Der Tagesspiegel

Von Daniel Rhee-Piening

Die deutschen Banken haben schwere Wochen hinter sich. Deutsche Bank, Bayerische Hypo-Vereinsbank und andere konnten ihren Kunden nicht helfen. Der Baukonzern Holzmann musste in die Insolvenz, Kirch wohl ebenso. Ist dies der Anfang vom Ende der viel geschmähten Deutschland AG, der engen Verflechtung von Banken und Konzernen? Muss sich die Deutsche Wirtschaft unter Druck der Welt öffnen?

Dieser Prozess sollte bereits mit den neuen Steuergesetzen, die Anfang 2002 in Kraft getreten sind, beginnen. Vom größten Reformschritt der Schröder-Regierung sprachen Volkswirte und Börsianer, als Finanzminister Hans Eichel ankündigte, dass Unternehmen von Januar an die Erlöse nicht mehr versteuern müssen, die sie erzielen, wenn sie Kapitalbeteiligungen veräußern. Doch wer an die baldige Entflechtung der Deutschland AG geglaubt hatte, sieht sich getäuscht.

Heute, drei Monate später, muss man feststellen: Das weit verzweigte Geflecht zwischen deutschen Banken und Konzernen, die wechselseitigen Beteiligungen, sind zäher als angenommen. Die personelle Vernetzung bei der Besetzung der Aufsichtsräte funktioniert unverändert weiter. Die Münchner Allianz sitzt weiter auf einem Besitz in Höhe eines zweistelligen Milliarden-Euro-Betrages. Die Deutsche Bank hält weiter ihre Beteiligung an Daimler-Chrysler und Philipp Holzmann.

Selbst die Fälle Holzmann und Kirch taugen nicht zum Beweis für den Rückzug der Banken. Es ist zwar richtig, dass die Kreditinstitute auch die großen Konzerne in Deutschland fallen lassen. Es trifft nicht mehr nur den Mittelstand. Die Banken geben kein weiteres Geld mehr, wenn sie keine Zukunft für das Unternehmen sehen. Aber sie trennen sich nicht automatisch von ihren Beteiligungen. Die Banken handhaben sie nur unter anderen Gesichtspunkten. Aktienpakete, die keine ausreichende Rendite bringen werden abgestoßen, sie werden nicht mehr aus alter Verbundenheit gehalten. Doch was geschieht mit dem Geld?

Die Investmentbanker haben das Sagen. Die Herren der Kapitalmärkte wie der designierte Chef der Deutschen Bank Josef Ackermann. Sie kaufen für ihre Häuser neue Aktienpakete oder schmieden neue Allianzen unter ihren Kunden. Die Deutschland AG wird nicht abgerissen, sie wird umgebaut.

Die Allianz kauft die Dresdner Bank und baut einen Allfinanzkonzern. Wenig später erhöht die Münchner Rück ihre Anteile an der Commerzbank auf rund zehn Prozent und errichtet einen Zaun um das Kreditinstitut. Und bei den Energieversorgern formiert sich unter tatkräftiger Mithilfe der Investmentbanker ein neuer Gigant. Eon hat ein Auge auf Ruhrgas geworfen und setzt gegen die Einwände des Bundeskartellamtes auf eine Ministererlaubnis. Begründung: Nur so könne man als deutscher Konzern in Zukunft auf dem europäischen Markt mitspielen.

Nun kann man beklagen, dass die Modernisierung des Standorts D bisher ausgeblieben ist. Dass die Entrümpelung schon in den Ansätzen stecken blieb. Doch bevor man die Schuld allein in den Vorstandsetagen der Banken und Konzerne sucht, sei ein Blick auf die Börsen erlaubt. In Zeiten schwacher Aktienkurse verkaufen sich Beteiligungen nur schlecht. Angesichts von Anlegern, die die Nase voll haben, lassen sich auch keine ausgegliederten Unternehmensteile an die Börse bringen. Es fehlt einfach an Interessenten.

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