Adelige Wohnsitze : Gutshaus will Weile haben

Mecklenburg ist das Land adliger Wohnsitze. Nach der Wende waren viele günstig zu haben. Wie zwei Städter ihr Glück fanden – und bis heute dafür arbeiten.

Knut Splett-Henning und seine Familie haben sich aus Hamburg verabschiedet, um in Mecklenburg neu anzufangen.
Knut Splett-Henning und seine Familie haben sich aus Hamburg verabschiedet, um in Mecklenburg neu anzufangen.Foto: Frenzel

Bei einer Flasche Rotwein und Ziegenkäse unterhalten sich der Gutsherr von Rensow und der Gutsherr von Dersentin über Wasserschäden. Die beiden Männer sitzen in Jeans und Pullover an einer langen Holztafel, Kerzenlicht flackert, im Ofen knistert das Holz. „So viel Wasser“, Knut Splett-Henning, der Mann aus Rensow, hält die flache Hand auf Kniehöhe – „und lauter Frösche“. Sönke Johannsen aus Dersentin lächelt gelangweilt, führt seine Hand bis zum Bauch und sagt: „Und alles voller Molche.“

Ein ganz normales Gutsherrengespräch im 21. Jahrhundert, geführt an einem windigen Februarabend.

Gar nicht so weit weg teilt Claus Herrmann seine Anekdoten mit der Familie. Er lebt in Spotendorf, zehn Kilometer von Rensow und eine halbe Stunde Autofahrt von Rostock entfernt, noch so ein „Verrückter“, wie Splett-Henning die modernen Gutsherren nennt. Herrmann erzählt von einem Tag, als sich die Decke mehrere Zentimeter in den Raum hineinwölbte. Wo vorher weißer Stuck gewesen war, wucherten grün-braune Pilze. Warum? Im ersten Stock hatten Dorfjugendliche aus Spaß den Wasserhahn geöffnet und nicht mehr zugedreht.

Claus Herrmann, 49, trägt Cordhosen und Wollpullover. Gemeinsam mit seinem Sohn Anton, 17, nimmt er auf einem zerschlissenen Ledersofa im großen Saal Platz. Die beiden studieren eine alte Landkarte, auf der Gutshaus und Ländereien in der Zeit des Dreißigjährigen Kriegs zu sehen sind. Ahnenforschung ist neben Problemen mit der Renovierung das liebste Gesprächsthema der neuen Gutshausbesitzer.

Dabei gehört keine der drei Familien zum alten Adel, sie kommen aus bürgerlichen Verhältnissen, aus Berlin und Hamburg. Alter Adel existiert kaum noch in Mecklenburg-Vorpommern. Nach dem Zweiten Weltkrieg vertrieben die sowjetischen Besatzer und später die DDR-Regierung die feudalen Herren, die Ländereien wurden enteignet. Für kurze Zeit war es den früheren Besitzern unter Todesstrafe verboten, sich den Häusern mehr als 20 Kilometer zu nähern. In den leeren Residenzen wurden Flüchtlinge untergebracht, später Mietwohnungen eingerichtet. Als Plattenbauten errichtet wurden, zogen die Mieter aus. Die Gutshäuser verfielen.

Nach der Wiedervereinigung existierten noch etwas mehr als 1000 der einst 2000 Herrenhäuser in Mecklenburg-Vorpommern, rund 800 davon zwischen Rostock und Güstrow. Nur wenige der alten Besitzer kehrten 1990 zurück. Heute steht noch ein Drittel der Häuser leer, ein Drittel wurde in Hotels umgewandelt, der Rest ist in privater Hand. Die Instandsetzung und -haltung ist ein Lebensprojekt. Fast alle Arbeiten erledigen die neuen Herren selbst, nur in Notfällen leisten sie sich einen Handwerker.

Knut Splett-Henning, der Mann aus Rensow, ist so etwas wie Berater und Seelsorger von rund 20 Gutsherren im Landkreis Rostock. Wer wissen will, wie man mit dem undichten Dach umgeht oder einen Teich vor dem Verlanden rettet, ruft ihn an. Vor zehn Jahren, da war er 31, kaufte er das Gutshaus Rensow. Es veränderte sein Leben. Damals arbeitete er als Kaufmann, lebte in Hamburg, Kopenhagen, London und Paris. Durch Zufall bekam er den Katalog für die Auktion in die Hand: Er sah einen grauen Kasten mit löchrigem Dach, ein paar eingeschlagenen Scheiben und 800 Quadratmetern Wohnfläche, gelegen in dem gleichnamigen Dorf mit 70 Einwohnern.

Knut Splett-Henning fuhr hin und erkannte sofort, dass er vor einem Bau aus der Spätrenaissance stand – Architektur ist seine Leidenschaft. Er sah die alten Fensterläden, die Originalglasscheiben, den großen Saal, stellte sich vor, wie er dort mit Familie und Freunden an einem langen Holztisch sitzen würde. Den grauen Betonputz an der Fassade blendete er ebenso aus wie den Müll im Keller und das Zimmer voller Abwasser. Bei der Auktion erhielt er nach fünf Minuten den Zuschlag.

Jedes zweite Wochenende verbrachte er von da an in Rensow. Jedes Mal musste er Mäusenester aus seinem Bett entfernen. Er stopfte Löcher im Dach, nagelte Bretter vor die kaputten Fenster, legte eine Stromleitung in den großen Saal und stellte einen Heizkörper und einen Herd hinein. Dann schliff er die Dielen ab, kratzte den Putz von den Wänden und räumte einen Holztisch hinein. So, wie er ihn sich vorgestellt hatte. Er tastete sich von einem Raum zum anderen. Vor dem Kauf hatte er 20 000 Euro auf dem Konto, ein paar Monate später nichts mehr.

Mittlerweile sind alle Zimmer renoviert. Nur ein paar Risse an den Wänden sind noch da, manchmal kommen neue dazu. Seit drei Jahren lebt Knut Splett-Henning mit Frau Christine und zwei Kindern im Gutshaus. Sie arbeitet in einem Hotel in Heiligendamm als Dekorateurin. Er vermietet einige Gästezimmer, kümmert sich um die Bewirtschaftung. In der vergangenen Woche hat er Feuerholz für die nächsten Wochen gehackt und ein neugeborenes Lamm aufgepäppelt, dessen Beine in der Kälte fast eingefroren waren.

Claus Herrmann ist nur einmal im Monat in Spotendorf. Er arbeitet in Berlin als Landschaftsarchitekt. Trotzdem ist fast immer jemand im Haus. Es hat nämlich neun neue Besitzer bekommen: Vier Paare und eine Frau teilen es sich, sie bilden eine Art Wohngemeinschaft.

Entdeckt hat Claus Herrmann den verfallenen Bau 1992. Er war gerade im nahen Wardow, um der Bürgermeisterin ein paar Projekte vorzuschlagen. Sie fuhren an Gut Spotendorf vorbei – und Herrmann verliebte sich sofort in den rot-braunen Klinkerbau mit Steinsockel, Außentreppe und Teich davor. Natürlich sah er auch das undichte Dach und die eingeschlagenen Fenster. Doch da war er dem Haus schon hoffnungslos verfallen.

Noch am Abend begeisterte er mit seiner Erzählung vom Gutshaus seine Frau, die am Tag darauf ihre Schwestern. Eine Woche später fuhren sie nach Spotendorf. Nach zwei Wochen beschlossen sie, die Immobilie gemeinsam zu kaufen. Einen Architekten fragten sie nicht – aus Angst, er könnte zu viele Probleme und Ausgaben sehen. Sie waren sicher: Irgendwie würden sie das Haus schon bewohnbar machen.

Ein halbes Jahr verging, bis das vermögendere der Paare den Kaufvertrag unterschreiben und das Geld überweisen konnte. Die anderen verpflichteten sich mündlich, Arbeitskraft, Zeit und so viel Geld wie möglich in das Projekt zu stecken. So funktioniert die Besitz- und Aufgabenteilung bis heute. Später wurden noch zwei befreundete Paare in den Kreis der Gutsherren aufgenommen, ihre Währung waren Zeit und Arbeitskraft.

Die erste Nacht verbrachten die neuen Gutsherren auf einem Strohballen im einzigen Raum, der nicht voller Abfall war. Sie träumten davon, dass sie in einem halben Jahr einziehen könnten. Am nächsten Tag begannen sie, den Müll aus dem Haus zu tragen. Das dauerte mehrere Wochenenden. Nach einem halben Jahr war klar: Bis zur Fertigstellung wird es ein langer Weg. Heute wissen sie: Das Haus wird nie fertig. Mittlerweile ist das ihr Konzept.

Im Eingangsbereich hängt eine Magnettafel, auf der die wichtigsten Aufgaben stehen. An diesem Februarwochenende sind das: Feuerholz machen und stapeln, Treppe abschleifen, von Borkenkäfern befallene Bäume fällen, putzen. Acht Stunden verbringen Claus Herrmann und seine Mitbewohner im Wald, zwei fällen mit Kettensägen kaputte Fichten, zwei schleppen die Stämme aus dem Wald an den Wegrand. Einer kocht im Gutshaus für später. Abends ruft der Koch alle in die Wohnküche im großen Saal. Während sie Gulasch löffeln, fragt einer den 17-jährigen Anton, was er mal werden wolle. „Gutsherr natürlich“, sagt er.

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