Zeitung Heute : Adern aus Ahorn

Die einst hohe Möbelkunst Berlins offenbart sich auf der Ars Nobilis

Gruß aus Potsdam.
Gruß aus Potsdam.

Auch Tische haben ihr Geheimnis. Besonders, wenn es sich bei dem Möbel um einen Schreibtisch oder Sekretär handelt. In seinem Pult verbergen sich mitunter elaborierte Architekturen – mit Spiegelsälen und Treppenaufgängen en miniature, eingefasst von raffinierten Intarsien und perspektivisch ins Unendliche verlängert.

Im Berlin des 18. Jahrhunderts war der Sekretär ein spezielles Möbel. Seine Bedeutung verdankt er Johann Christian Mathis, einem Tischlergesellen, der nach 22-jähriger Wanderschaft mit frischen Ideen in die aufstrebende Spree-Metropole zurückkehrte. Um sich hier dauerhaft niederzulassen, musste er ein Meisterstück anfertigen. Doch statt des schweren, barocken Schrankes, den die Zunft von ihm erwartete, bat er 1790 darum, ein „modernes, wohlfeiles und doch kostbares stück zu fertigen, welches ich hiernächst verkaufen kann“.

Mathis schwebte ein Schreibspind vor, mit einem Furnier aus Mahagoni, ganz nach der internationalen Mode, die er auf seinen Reisen durch Holland, Frankreich und die Schweiz verinnerlichen konnte.

Darüber, und dass der Sekretär bis 1840 ein unangefochtener Möbeltyp für Meisterstücke war, hat Achim Stiegel in seiner Dissertation über das Berliner Möbelhandwerk detailliert geschrieben. Wann immer der Kurator der Möbelsammlung im Kunstgewerbemuseum der Staatlichen Museen zu Berlin über sein Thema spricht, fällt jedoch auf, wie vorsichtig er seine ästhetischen Urteile fällt. „Was wir heute als besonders aufwendig oder schlicht bewerten, als subtil oder plump, wurde vor 200 Jahren sicherlich oftmals gänzlich anders bewertet“, mahnt Stiegel. Einig aber dürfte er sich mit den Besuchern der Ars Nobilis über jenen Schreibtisch sein, den der Münchner Antiquitätenhändler Axel Schlapka hier präsentiert. Ein Möbel aus Mahagoni mit gedrehten Beinen und Balustraden, hellen Adern aus Ahorn und eleganten Beschlägen. Entstanden ist es um 1830, ein Prunkstück edler Schlichtheit und dennoch von königlicher Herkunft: Es stand im Stadtschloss Potsdam.

Die Zeit scheint spurlos an ihm vorbeigegangen. Dabei, so Stiegel, handelte es sich bei den Sekretären um Gebrauchsmöbel – es sei denn, sie waren teuer erworbene Meisterstücke. So kaufte König Friedrich Wilhelm II. 1828 auf der Akademieausstellung einen Sekretär von Joseph Schneevogl für 1200 Taler. Ähnlich viel hatte er schon einmal zu Beginn seiner Regentschaft angelegt, als er sich ein Meisterstück von Johann Andreas Beo für sein Stadtschloss in Potsdam schenken ließ und den Ebenisten seinerseits mit 1000 Talern bedachte. Für ein Möbel mit zwei integrierten Uhrwerken, die allein wohl schon über die Hälfte des Geldes verschlungen hatten.

Friedrich Wilhelms reges Interesse an schönen Möbeln, die Verlegung seines Hauptsitzes von Potsdam zurück in die Residenzstadt und die damit verbundenen Bautätigkeiten fachten nicht nur die Konkurrenz der hohen Gesellschaft an. Bis zum Tod des Königs hatten auch die Tischler reichlich zu tun, von denen es um 1755 allein 300 Meister in Berrlin gab. Ein Grund war nicht zuletzt die Neuordnung der Handwerksprivilegien von 1734, die man in Berlin vorbildlich umgesetzt hatte. So wurden die Rechte der Zünfte eingeschränkt, wurden Zuziehende von Abgaben befreit und oft noch mit einer Starthilfe bedacht. Die Stadt machte sich einen Ruf als Zentrum der Möbelherstellung, an dem zeitgleich zahlreiche Werkstätten unterschiedlichster Ausrichtung wirkten.

Von Kontinuität geprägt ist dagegen das Werk von Johann Michael Hoppenhaupt. Ihm verdankt der Kunsthändler Thomas Schmitz-Avila einen Konsoltisch mit geschnitztem Gestell, Silberfassung und rötlicher Marmorplatte von ca. 1760, den er nun auf der Ars Nobilis zeigt. Gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder folgte Johann Michael Hoppenhaupt 1740 dem Ruf Friedrichs II. an den preußischen Hof, der Kunsthandwerker für die Ausgestaltung seiner Schlossgebäude suchte. 1745 führte er Arbeiten im Schreibkabinett des Berliner Stadtschlosses aus, danach im Schloss Charlottenburg. In der Potsdamer Residenz stattete er Wände, Türen und Gemälderahmen des Konzertzimmers im Sommerschloss Sanssouci mit Holzbildhauerarbeiten aus und trug so wesentlich zum Stil des Friderizianischen Rokoko bei.

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