Zeitung Heute : adler

Maren Sauer

Mächtige Schwingen? Von wegen: Platte Bretter hingen an seinem Leib. Wie eine Holzleiste ragte die Zunge aus dem aufgerissenen Schnabel heraus, seine Fänge waren so deformiert, dass er kaum darauf hätte stehen können. Nie hätte er mit ihnen an einem Ast Halt finden, gar ein Beutetier packen können. Aber ein anderes gravierendes Handicap hätte die Nahrungssuche ohnehin vereitelt, meint Rayan Abdullah: „Der alte Adler hatte keine Augen. Er war schlichtweg blind.“

Es brauchte wohl einen wie ihn, das zu erkennen. Einen, der sich in der Feinmechaniker-Lehre und im Studium der Visuellen Kommunikation an der UdK einen ausgeprägten Blick fürs Detail angeeignet hatte. Einen, der ob seiner Herkunft einen aufmerksameren Umgang mit den Symbolen der neuen Heimat pflegt als viele, die hier aufgewachsen sind. Denn bei dem alten Adler, dem der gebürtige Iraker eine solch verheerende Diagnose attestierte, handelt es sich schließlich um den Bundesadler. Um das Hoheitszeichen der Bundesregierung, das Briefköpfe sämtlicher Ministerien schmückt, alle Broschüren, die über Abgasemissionen oder Krankenkassen-Reformen informieren. Das auf Schildern staatlicher Bauvorhaben prangt, auf Grenztafeln, auf olympischen Trikots.

1997 war es, als Abdullah – der im brandenburgischen Schönwalde die Design-Agentur „Markenbau“ leitet und an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig Professor für Typographie und Kalligrafie ist – damit begann, sich intensiv mit dem Wappentier des deutschen sowie 21 anderer Staaten zu beschäftigen. Abdullah betreute seinerzeit zwei angehende Designer, die an einem studentischen Wettbewerb teilnahmen, der das Redesign eines Emblems zur Aufgabe hatte: des damaligen Bundesadler-Logos. Monatelang recherchierte er mit ihnen, war Dauergast in Zoos und Vogelparks, sammelte Adlerdarstellungen und ornithologische Fachbücher, beobachtete das Verhalten der Tiere und gelangte letztlich zu der Erkenntnis, „dass der alte Adler absolut nicht zum Logo taugt“. Einerseits wegen seiner anatomischen Defizite, anderseits wegen der grafischen Fauxpas: Viel zu scherenschnitthaft sei er gewesen, zu unharmonisch das Verhältnis schwarzer und weißer Flächen. Bei den Recherchen, erzählt Abdullah, „ging es natürlich auch um Fragen zur deutschen Identität“. Was unterscheidet Deutschland von Österreich, Albanien oder Polen? Weshalb haben wir überhaupt seit dem 12. Jahrhundert den Adler als Wappentier, mal ein- und mal zweiköpfig, mal mit Schwert, Schild oder Krone? Welchen Wert hatte das Reichswappen für die Menschen früher und welchen hat das Bundeswappen heute? Passen die elementaren Eigenschaften des Adlers – das Majestätische, die Kraft und das Durchhaltevermögen – eigentlich noch zu uns? „Schließlich“, so der 47-Jährige, „ist eine Identität nichts Statisches, sie muss sich entwickeln dürfen.“

Das sah auch die Bundesregierung ein und gab Rayan Abdullah nach langen, intensiven Gesprächen über das Ergebnis seiner Recherchen den Auftrag, einen progressiveren Adler zu entwerfen. Beim nächten Schritt wollte sie ihm jedoch nicht folgen: „Der Frage, warum es unbedingt der historisch so vorbelastete Adler sein muss, mag sich offenbar niemand stellen.“ Ihn, der seit gut 20 Jahren deutscher Staatsbürger ist und sich als „totaler Preuße“ empfindet, beschäftigt dieser Aspekt aber durchaus – bei allem Stolz darüber, dass er mit seinem Adler zum modernisierten Erscheinungsbild Deutschlands beitragen durfte: „Trotzdem finde ich, dass ein Schäferhund als Wappentier wesentlich besser zu uns Deutschen passen würde. Oder eine Eiche.“ Dann müsste er auch nicht weiter über die Frage nachgrübeln, „ob ein Adler nach links oder rechts gucken sollte. Das lässt mich einfach nicht los", bekennt der passionierte Hobby-Gärtner.

Den gewissenhaften Umgang mit der Natur hat er schon als Kleinkind gelernt; wie in vielen irakischen Familien wurde auch ihm zu Ehren nach seiner Geburt ein Baum im Garten gepflanzt. So wurde Rayan Abdullah, dessen Vorname „der Saftige“ bedeutet, zum stolzen Besitzer eines Granatapfelbaums, den er zu pflegen hatte, bis er das Elternhaus in Mosul Ende der 70er Jahre verließ. Dass dieser immer noch regelmäßig Früchte trägt, weiß er lediglich vom Hörensagen: Wiedersehen wird er ihn erst, wenn er eine Reise in den Irak für sicher hält. Sich den Gefahren in der Heimat auszusetzen, sei unvereinbar mit seinem „preußischen Pflichtgefühl“. Der Verantwortung gegenüber den Angehörigen dort, seiner schwäbischen Frau und seinem Sohn, Studenten und Mitarbeitern hier.

„Ein Unding“ ist es für Abdullah, der sich auf die Entwicklung von Corporate Designs spezialisiert hat, wie viele veraltete Adler sechs Jahre nach seinem Entwurf noch im Umlauf sind, vor allem an Flughäfen. Sieht er einen, fotografiert und archiviert er ihn. Bei den Olympischen Spielen hätte er seine Sammlung wieder erweitern können: Einige Sportler hatten Adler mit drei Federn auf der Brust, andere mit vier, wieder andere mit fünf.

In unserer Reihe porträtieren wir jeden Sonntag einflussreiche Menschen, die ansonsten im Hintergrund bleiben.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!