Zeitung Heute : Adria: Die Magie des Castel del Monte

Anne-Kathrein Teubner

Alljährlich am 23. September wird es rappelvoll im achteckigen Innenhof des Castel del Monte. Aus aller Welt strömen dann Esoteriker ins Stauferschloss, um zu erleben, wie die Sonne das Kastell in zwei Teile teilt. War der oktogonale Bau mit seinen acht Ecktürmen ein Weltraumobservatorium, ein Zentrum für Gelehrte, eine mittelalterliche Denkfabrik? Oder diente er lediglich als Lust- und Jagdschloss? Vielleicht haben die apulischen Forscher doch Recht, die behaupten, das Kastell sei wie ein gigantischer Sonnenkalender in die Landschaft gebaut worden. 750 Jahre nach seinem Tod gibt die berühmteste Burg des von Mythen umrankten Stauferkaisers Friedrich II., der von seinen päpstlichen Gegnern als Ketzer und Freigeist verdammt wurde, noch immer Rätsel auf.

Aber nicht allein seine Geheimnisse, sondern auch die einmalige Lage des Schlosses tragen zur Anziehungskraft bei. Schon von Weitem sichtbar erhebt sich das aus hellem Stein errichtete "Diadem des Hohenstauferreiches, das herrliche Land krönend", wie Ferdinand Gregovius im 19. Jahrhundert schwärmte, auf einem 540 Meter hohen, kreisrunden Hügel der Murge beim Städtchen Andria im Hinterland der Adriaküste. Nach jahrzehntelangen Renovierungsarbeiten ist das wohl berühmteste unter den über 200 Bauwerken, die der Staufer in Süditalien errichten ließ, auch für Reisende ohne esoterische Neigungen eine der ganz großen Attraktionen der "Provincia amatissima", wie Friedrich II. Apulien nannte. Und als wir uns im "magischen" Raum befinden, in den nur wenig Tageslicht fällt, und in dem neben dem Kamin ein großes Quadrat mit vier Kreisen in den Boden eingelassen ist, können wir uns dem Zauber des Ortes kaum entziehen.

Durch die Kulturlandschaft mit Weinbergen, Mandel- und Olivenhainen geht es vom Stauferschloss an die Küste, wo ein weiteres architektonisches Wunderwerk wartet. Als sei sie aus dem Meer entstiegen, überragt die romanische, dem heiligen Nicola Pellegrino gewidmete Kathedrale mit ihrem hohen Campanile den Fischerhafen von Trani. Im Schein der untergehenden Sonne hebt sich der Bau aus weißem, weichem Stein, auch Trani-Marmor genannt, rosafarben wie ein Pastellgemälde gegen den blassblauen Himmel ab. Beinahe 300 Jahre lang wurde an der Kathedrale gebaut, hinter deren schlichter Fassade sich gleich drei Kirchen verbergen; die älteste datiert aus dem sechsten Jahrhundert. Während in der mit herrlichen Fresken dekorierten kleinen Unterkirche ein Paar den Bund fürs Leben schließt, bewundern wir in der Hauptkirche das einzigartige Bronzeportal, das Barisanus da Trani im 12. Jahrhundert schuf. Nach zehnjährigen Restaurierungsarbeiten ist das 1,5 Tonnen schwere Meisterwerk aus Rom zurückgekehrt.

Auch in Trani hat Friedrich II. seine Spuren hinterlassen. Von der Kathedrale sind es nur wenige Schritte zum Castello Svevo von 1233. Bis vor einigen Jahren wurde der trutzige Bau am Meer als Gefängnis genutzt. Während im malerischen Hafen die Fischer gerade dabei sind, ihre Boote zu verlassen, um den Feierabend zu genießen, beginnt im Stadtzentrum mit seinen von Bäumen gesäumten Boulevards und eleganten Geschäften die Stunde der Flaneure. Kurz nach Sonnenuntergang herrscht in Cafés und Restaurants Hochbetrieb, draußen stehen Männer in Grüppchen beim Plausch zusammen. In den hell erleuchteten Feinkostgeschäften werden Produkte der Region feilgeboten, die zum Ruhm der apulischen Küche beitragen, immer fantasievoll dekoriert, seien es Gemüse, Teigwaren, Naschwerk oder das safrangelbe Brot, von dem Gourmets schwärmen und das deshalb sogar per Flugzeug in den Norden Italiens geliefert wird.

Nur wenige Kilometer von der Adriaküste, zwischen Bari und Brindisi gelegen, erstreckt sich auf drei Hügeln inmitten einer fruchtbaren Landschaft mit uralten Olivenbäumen, deren Stämme wie kunstvolle Skulpturen wirken, die "weiße" Stadt Ostuni. Schon die Messapier siedelten hier. Römer, Langobarden, Byzantiner, Normannen, Staufer, Anjou, Aragonier und Bourbonen hinterließen - wie an so vielen Orten Apuliens - ihre Spuren. Aber Ostuni lässt sich auch ohne Exkurs in die Historie genießen. Beim Bummel durch die engen, gepflasterten Gassen der Altstadt mit ihren schneeweißen, ineinander verschachtelten Häusern, Terrassen, Treppen, Bögen und malerischen Innenhöfen meint man, durch eine nordafrikanische Medina zu spazieren. Unvergesslich der Blick von der Panoramastraße über das schneeweiße Häusermeer bis zur azurblauen Adria!

Doch die schöne Fassade kann die Probleme nicht verdecken. Neben Pensionären, die vor dem Rathaus das Geschehen auf der Piazza beobachten, sitzen junge Leute auf den Stufen eines Palastes und gucken gelangweilt in die Runde. Jeder zweite Jugendliche hier ist arbeitslos. Noch gibt es kaum gezielte Ausbildungsprogramme für Jobs in der Tourismusindustrie, obwohl neben dem italienischen Staat auch die Europäische Union für den Ausbau der touristischen Infrastruktur im noch immer armen Mezzogiorno viel Geld locker machte. So bemängeln Kritiker beispielsweise, die Regierung habe es bisher versäumt, erschwingliche Sprachkurse anzubieten. Dabei seien viele junge Menschen durchaus motiviert, beispielsweise Deutsch oder Englisch zu lernen. Zur Zeit unterstützt die Regionalregierung vor allem den Ausbau der Masserien. Das sind historische Bauernhöfe und Landgüter, die - etwa wie die mallorquinischen Fincas - restauriert und in stilvolle Landhotels mit allem Komfort umgewandelt werden.

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